Zurück auf Lesbos

Wieder zurück auf der Insel.
Ich atme schon am 1. Tag diesen Schmerz hier ein, die Frontex- und Hellenic Coast Guard Schiffe, verantwortlich für die illegalen Pushbacks am eisigen Meer, sind mehr geworden. Ich sehe Schutzsuchende in Mytilini, die ich seit Jahren hier weiß, ihre Körperhaltung und ihre Gesichter noch verzweifelter. Man lässt ihnen in Form brutalster Abschreckungspolitik täglich spüren, ihr seid hier nicht willkommen. Ich frage mich, wie so oft, was Griechenland, Europa sich dabei denkt, welche Schuld wir auf uns laden und was das für unser aller Zukunft bedeutet, welche Auswirkungen es für uns alle haben wird. Diese Unmenschlichkeit, diese visionslose und primitive Asylpolitik hinterlässt für uns alle tiefe Wunden.

Es gibt Freudenmomente, auch hier, und sie geben uns die Kraft, dieses Elend hier zu ertragen.
Da wäre zum einen, dass alle unsere Community Volunteers jetzt endlich einen positiven Asylbescheid erhalten haben.
Nach Jahren hier, egal in welchem Elendscamp, ob Moria oder RIC Camp Mavorouni/Kara Tepe, endlich ein 1. Schritt zurück in ein normales Leben.
Sie mussten flüchten, ihre Familien, ihr Zuhause, alles was sie liebten, wegen persönlicher Verfolgung und Terror verlassen.
Nach der gefährlichen Flucht, bei der sie Menschen sterben sahen, nach Jahren, hier in Griechenland menschenunwürdigster Behandlung endlich der Bescheid „Asyl positiv“, ein eigenes, neues Leben beginnen zu können.

Zum anderen die Menschen, die aus Europa hierher kommen, um die Menschen auf der Flucht freiwillig zu unterstützen. Von Ärzt*innen, Student*innen, junge und alte Menschen, die durch ihr Tun hier ein Statement gegen diese Menschenrechtsverletzungen abgeben wollen und die Betroffenen nicht alleine lassen.

Die Situation auf der Insel hat sich in keinster Weise verändert. Der Umstand, dass nur mehr noch ca 2200 Menschen im Camp untergebracht sind, ist kein wirklicher Trost, denn kein einziger Mensch sollte so leben müssen.
Trotz Sonnenschein, ein eisiger Wind, die Temperaturen nachts um die 2 Grad und immer noch etliche Zelte ohne Heizung.
Viele Familien mit ihren Kindern, aus Kriegsländern wie Afghanistan seit 3 Jahren und mehr hier, immer noch kein Asylbescheid oder eine Ablehnung trotz der aktuellen Lage im Heimatland.
Im Bereich Corona-Quarantäne gibt es nicht einmal warmes Wasser, keine Duschen. Die Menschen können sich entsprechend waschen. Das und viel mehr mutet man ihnen zu.

Die Regierung hat sämtliche Zahlungen unterbrochen, die Menschen sind angewiesen auf das, was sie an Essen und Material bekommen und das ist nicht viel.

Viele von ihnen leiden unter Depressionen, ein Vater zeigt mir unter Tränen die Beiß- und Kratzspuren an seinem Arm, die ihm seine 5-jährige Tochter zugefügt hat.
„Meine Frau und mein Kind sind am Ende, wir ertragen es kaum noch.“
Gastritis, heftigste Kopfschmerzen, massive Schlafstörungen, Kälte, Hoffnungslosigkeit, Hunger, keinen Zugang zu Bildung, keine Menschlichkeit, der Alltag von Schutzsuchenden hier auf Lesbos.

Viele Familien, die mit Hilfe ihres Ersparten oder von Verwandten und Freunden sich außerhalb des Camps ein Zimmer genommen haben, stehen vor dem Nichts.
Speziell um sie kümmern wir uns.

Ich treffe unsere österreichischen Volunteers, Verena und Victoria, die in unserer Abwesenheit gemeinsam mit den Community Volunteers all die Arbeit, Essensverteilung, Hygiene- und Kinderpäckchen, persönliche Betreuung und Begleitung zu Terminen konsequent und mit viel Herz erledigt haben.
Unser Warehouse ist ihr Ausgangspunkt und nach einem gemeinsamen Frühstück beginnt die Arbeit.
Wie jeden Samstag Essenspakete an Familien, die außerhalb leben.
Reis, Nudeln, Obst, Gemüse, Öl, Fleisch werden großzügig verpackt.
Ein genauer Zeitplan muss eingehalten werden, die Familien warten an zwei verschiedenen Ausgabeorten in der Stadt.
Um 13 Uhr machen wir uns auf den Weg.
Ich bin dankbar, dass wir mit Eurer Unterstützung helfen können und es zermürbt mich, dass ich teilweise immer noch denselben Menschen begegne wie im September 2020.

Die kommenden Wochen werden wir wieder einiges zur Linderung des Leids beitragen.
Die Essensversorgung, Hygieneartikel und Babypäckchen. Wir werden auch MVI- Medical Volunteers International wieder monatlich unterstützen, damit sie beim hiesigen Apotheker Medikamente und medizinisches Material holen können.
Wir treffen Nantina von DCI- Defence Children International, um das von uns finanzierte Rechtsberatungsprojekt zu besprechen. Es ist uns wichtig, auch die Möglichkeit zu bieten, dass Menschen juristisch zu ihrem Recht kommen.
Wir verlängern Mieten für besonders vulnerable Personen und wir werden, so wie zu Weihnachten, wieder eine Lebensmittelverteilung im Camp finanzieren.
Wir werden in den nächsten Wochen auch in Athen sein, denn dort sitzen viele Schutzberechtigte, die wir von Lesbos kennen, obdachlos, ohne jegliche Unterstützung fest.

Ich bin dankbar, durch Eure Großzügigkeit und Unterstützung, die wir erfahren, wieder hier sein zu können, auch wenn es schmerzt, immer noch hier sein zu müssen. Zuhause zu bleiben, sich abzuwenden ist keine Option.

Es ist Winter, Lesbos ist, auch wenn es aus den Medien beinahe verschwunden ist, immer noch Moria. Immer noch ein Ort des Grauens, der Unmenschlichkeit und eine massive Verletzung der Menschenrechte.

Wenn ihr unsere Arbeit unterstützen wollt, danken wir von Herzen.
Jeder Euro zählt. Jede Bewegung ist ein Funken Hoffnung für die Schutzsuchenden und Schutzberechtigten in Griechenland. Jeder Beitrag ermöglicht ein Handeln im Wir.
Lassen wir die Menschen nicht im Stich, danke.

Verein „Flüchtlingshilfe/refugee assistance-Doro Blancke“
AT93 3842 0000 0002 7516

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