Herbergssuche heute – Europa 2023

Eines Tages, vor langer Zeit, genau genommen vor 7 Jahren, musste ein junger Mann, nennen wir ihn Omid, sein Heimatland Pakistan verlassen. Sein Vater war einem Konflikt mit einem sehr mächtigen Mann ausgesetzt, welcher bereits dem Bruder des jungen Mannes das Leben gekostet hatte.

So beschloss Omid schweren Herzens seine Familie, seine Freunde, alles, was er in seinem Leben kannte, und liebte zu verlassen. Er hoffte im Nachbarland Iran vor den Schergen des Feindes seiner Familie sicher zu sein. 

Er war jung und die Tränen seiner Mutter, der trauernde, leere Blick seines Vaters beim Abschied, raubten ihm beinahe den Verstand. Seine Eltern waren immer so gut zu ihm gewesen. Sie liebten ihn und seine Geschwister über alles. Niemals wäre ihm in den Sinn gekommen, sie zu verlassen. Doch sein Leben war in Gefahr.                  Es gab keinen Ausweg.

Die Reise in den Iran war beschwerlich, er hatte Angst, noch nie war er allein unterwegs gewesen.

Im Iran angekommen, suchte er lange vergeblich ein Zimmer. Viele Tage schlief er auf Baustellen, in dunklen Gassen, hinter Märkten. 

Er suchte Arbeit. Er fand sie – was er nicht wusste, dass er in die Hände eines modernen „Sklavenhändlers“ gefallen war.

10 – 11 Stunden am Tag arbeitete er auf Baustellen, kaum Zeit für Pausen, am Abend reichte das Geld gerade mal für eine warme Mahlzeit. Eines Nachts wurde er von der Polizei aus dem Schlaf gerüttelt. Brutal, mit Fußtritten. 

Es folgte Gefängnis, da er keine Papiere hatte. Eine Zeit, die er schwer vergessen kann. 

Er beteuerte immer wieder, er sei weder ein Dieb, noch täte er sonst was unrechtes, man schenkte ihm kaum Gehör. Nach mehreren Wochen, im Gefängnis, er wurde geschlagen, missbraucht, entließ man ihn aus dem Gefängnis mit der Aufforderung sofort das Land zu verlassen. Würde man ihn noch einmal erwischen, würde man ihn als Soldat in den Krieg nach Syrien schicken.

Omid wusste weder ein noch aus – die Angst bestimmte sein Leben, die Einsamkeit übermannte ihn. Sein ehemaliger Arbeitgeber lachte ihn aus und gab ihm zu verstehen, er solle doch in den Krieg ziehen, der Iran brauche ihn und sein Leben sei doch eh nichts wert.

Als er Tage später eine Gruppe Afghanen traf, die ein ähnliches Schicksal erlitten hatten, beschloss er sich ihnen, auf ihrem Weg in die Türkei anzuschließen. Schlimmer als der Krieg konnte die Überquerung der oft tödlichen Grenze Iran/Türkei nicht sein, dachte er bei sich und so machte er sich auf den Weg.

Die Schüsse im Dunklen, als die Gruppe die Grenze im Nirgendwo überquerte und die Todesschreie von Menschen, auch das bleibt ihm bis heute im „Gepäck“. Er rannte so schnell er konnte, ohne sich umzudrehen in der finsteren Nacht um sein Leben. Irgendwann war nur noch Stille.

Er war in der Türkei angekommen, er hatte es geschafft. Einige andere nicht. 

Auch hier wieder, Arbeit ohne Rechte, Ausbeutung, der Arbeitgeber hatte ein Zimmer in dem 12 Menschen schliefen. Ende des Monats wurde ihnen ein Drittel des spärlichen Lohns abgezogen. Die Arbeit war hart, sie legten Fließen, verlegten Leitungen, arbeiteten von früh bis spät.

Nachts schmerzte ihn sein ganzer Körper, er weinte still vor sich hin und dachte des Öfteren darüber nach, sich sein Leben zu nehmen, in einen erlösenden Schlaf zu versinken.

Als sein Arbeitskollege, Ahmed, ihm anbot ihn für 4 Monatslöhne, was davon übrigblieb, ihn mit ans Meer, Richtung Europa zu nehmen, willigte er ein. Europa, er hoffte dort endlich Frieden und auch Arbeit zu finden.

Nach der Überfahrt in einem kleinen, völlig überladenen Boot, von dem 2 Menschen wegen hohem Wellengang ins Meer stürzten und ertranken, erreichten die erschöpfte Gruppe von Menschen eine Insel.Später sollte er erfahren, dass er auf Lesbos, in Griechenland war.

Er kam in ein Camp, was eigentlich keines war.                                                       Moria – die Schande Europas. 

Hütten aus Fetzen, alten Baustoffen, der Gestank bestialisch, weil für die 1000enden von Geflüchteten viel zu wenig Toiletten. Frauen, Kinder, Alleinreisende, alle in dieser schrecklichen Situation. Omid war hin und her gerissen, er hatte überlebt, er könnte immer noch arbeiten, doch das, das war Europa? 

Nachts hörte man Menschen weinen, streiten, es war gefährlich, manche nahmen sich das Leben. Tagsüber wanderte er in der Gegend herum, bis er einen alten Mann traf. Er brauchte Hilfe in den Olivenhainen. Omid arbeitete – ohne Versicherung, er wusste anfänglich gar nicht, dass es so was gab, für 2 Euro die Stunde.

Nicht geschlagen, bedroht zu werden, vermittelte ihm Glück. Er beantragte Asyl. 

So lebte er mehrere Jahre, bis ihn eines nachts beißender Rauch und verzweifelte Schreie von Menschen weckte. 

Das Flüchtlingscamp Moria brannte – Chaos. 

In seiner Panik lief er mit dem Strom der Tausenden Richtung Straße. So wie viele verlor er dabei seine Papiere und sein Telefon. Viele Tage mussten die Geflüchteten auf der Straße und in den umliegenden Olivenhainen ausharren. Es gab keine Toiletten, kaum Essen, kaum Wasser, das Camp und alle wenigen Habseligkeiten der Geflüchteten war restlos niedergebrannt.

Der alte Mann, bei dem Omid arbeitete, redete mit einem Bekannten. Dieser besaß ein kleines Haus, in der Nähe des Camps. Dort wurde früher ein Kaffee betrieben. Eine Toilette, eine leer geräumte Küche und ein „Garten“ mit 2 großen Hunden, waren jetzt sein neues Zuhause.

Die Registrierung im neuen Camp gelang ihm nicht. Pakistan, keine Papiere, niemand kümmerte sich darum und Omid war nach all den Jahren nicht gewohnt, um Hilfe zu bitten. Dass es Rechtsanwält:innen gab, die ihm ev. helfen konnten, war ihm damals noch fremd.

So arbeitete er weiter, für 2 Euro die Stunde und erhielt von uns, die wir ihn entdeckten, jeden Samstag ein Lebensmittelpaket. Viele Male bemühten wir uns, ihn im Camp zu registrieren. Chancenlos- das griechische System in seiner „gewollten“ Überforderung gewährte ihm zwar erneute Aufnahme in die Registrierung, aber keinen Platz im Camp. Omid wollte auch nicht mehr, zu schmerzhaft waren seine Erinnerungen an Moria. 

Eines Tages, nach 3 Jahren, erzählte Omid uns, er hätte seinen Onkel gefunden, der seit 30 Jahren in Athen lebte und Arbeit hat. Er würde ihn aufnehmen. Eine wunderbare Nachricht, doch wie könnte Omid die Insel verlassen, ohne Asyl? Dies war nur in Ausnahmefällen möglich. Es spielt keine Rolle, ob man Familie, die bereits ein selbständiges Leben in Griechenland führt, nachweisen kann. Omid hatte auch keinen pakistanischen Reisepass, kein Dokument.

Omid verfiel zusehends, er verlor an Gewicht, seine Haare und der Bart wurden struppig, es gab weder eine Dusche mit warmem Wasser noch Heizung im Winter in seinem Unterschlupf. Sein Gesicht verfiel in Dunkelheit und seine ganze Freundlichkeit konnte nicht darüber hinwegtäuschen, wie traurig und hoffnungslos war – „ich möchte nur arbeiten und ihn Frieden leben“ war der Satz, den wir immer wieder hörten, wenn wir ihm jeden Samstag sein Lebensmittelpaket brachten. 

Eine Rechtsberatungs-NGO kümmerte sich um seine Papiere, doch mehr als 4 Jahre gab Griechenland keine Antwort. Des Öfteren besuchten wir Omid nach einem Zusammenbruch im Spital. Endlich Wärme, ein Bett, Dusche, sagte er immer wieder, während er an der Infusion hing.

„Bitte, lasst mich arbeiten, bis ich eine Antwort zu meinem Fall bekomme“, ich hörte diesen Satz immer und immer wieder.

Eines Tages rief mich Omid an, aufgeregt. Ich solle mit ihm zur Post, sein Onkel war vor Wochen auf der pakistanischen Botschaft und konnte mit Hilfe der Eltern und dem griechischen Papier nachweisen, wer Omid war. Sein Onkel schickte ihm die Dokumente, Omid war völlig aufgelöst, vor Hoffnung. 

Er war wieder jemand, ein Mensch mit dokumentiertem Namen, Herkunft – er war jetzt offiziell Omid. 

Jetzt kann ich bald arbeiten, sagte er. Ich war mir nicht sicher.

Ich war zu dieser Zeit in Österreich. Und das ist es, was ich an unseren europäischen Freiwilligen so wertschätze, so liebe. Sie scheuen neben unserer intensiven Arbeit keine Mühen, um Menschen in allen möglichen Bereichen zu helfen, sie einen Schritt weiterzubringen.

Sie fuhren mit ihm zur Post, zur Polizei, zur Asylbehörde, in Griechenland alles lange, mühsame Wege – unwillige Beamt:innen, kein Interesse. Im Prinzip will sich niemand Zeit nehmen, Arbeit aufbürden.

Doch unsere Freiwilligen haben ein großes Herz einen langen Atem

Und dann kam etwas zur Hilfe, was wir schon lange wussten und Omid als „Wunder“ bezeichnet. Der griechische Premierminister erkannte, wie dringend Griechenland offiziell Arbeitskräfte braucht und beschloss 30.000 Migrant:innen einen Status zu erteilen. 

Wir halfen Omid die Papiere zum Verlassen dieser Schreckensinsel zu erhalten, sein Onkel schickte die Bestätigung, dass er bei ihm wohnen kann und Arbeit bekommt, offizielle Arbeit. Registriert, mit Versicherung. 

Das Ticket für Omid, Flug Lesbos – Athen, war nur mehr eine Klacksaufgabe. Die Fahrt zum Flughafen auch.

Am Abend, vor einigen Wochen, als er mir das Foto, welches er vom Flugzeug aus gemacht hatte, die beleuchtete Stadt Athen, schickte, es fällt mir schwer, diese Erleichterung, dieses Glücksgefühl, diese Dankbarkeit und Freude in Worte zu fassen. Das Telefonat am Flughafen, als Omid mich angerufen hat, er sei jetzt mit seinem Onkel, der ihn hier abholt, ich werde es niemals in meinem Leben vergessen. 

Oft telefoniere ich mit Omid, er schickt mir Bilder, sichtlich erleichtert, ordentlich gekleidet, gepflegter Bart, Bilder der hübschen Wohnung seines Onkels, in der er ein eigenes Zimmer beziehen durfte. Und die konkrete Zusage, dass er Anfang Jänner, offiziell in der Fabrik, in der sein Onkel seit Jahrzehnten arbeitet, dringend gebraucht wird und arbeiten kann und darf. Griechenland braucht 30.000 Arbeiter:innen, Omid ist einer davon.

So endet diese Geschichte der Herbergssuche, eines Menschen, der in größter Not seine Heimat, alles, was er liebte, verlassen musste. Der auf seiner Flucht schreckliches erleiden musste und in Europa beinahe verloren ging. 

Es hat offiziell kaum jemanden gekümmert was aus ihm wird. Politik ist zu sehr mit Abschottung, mit Ausübung von Grausamkeit beschäftigt. 

Omid ist klug und freundlich. Er weiß wie viele Wunden all diese Ängste und Demütigungen hinterlassen haben. Er wird zu arbeiten beginnen, er wird sich aber auch an eine NGO, die Psychotherapie anbietet wenden müssen, um all diese schrecklichen Erlebnisse verarbeiten zu können und sich als freier und immer noch liebender Mensch, sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Ich bin auch darüber mit ihm im Gespräch. Er hat jetzt ein Zuhause, Arbeit, ist mit seinem Onkel, der ihn liebevoll begleitet. Eine gute Basis dafür, Vergangenes aufzuarbeiten. 

Die Hoffnung stirbt zuletzt – die Liebe nie. 

Gute Weihnachtsfeiertage, ihr Lieben!

Danke, dass ihr unsere Arbeit, unsere konsequenten Bemühungen für Menschen auf der Flucht unterstützt.

Wir arbeiten weiter, für uns alle, denn auch wenn vieles hoffnungslos erscheint, nur mit Recht, Menschlichkeit, mit gegenseitiger Wertschätzung und Konsequenz, ist ein friedliches und gutes Zusammenleben möglich.

Jetzt mache ich Weihnachtsurlaub, den ich dringend brauche, am 3. Januar fliege ich wieder zu meinem großartigen Team nach Lesbos und arbeite weiter – für Menschen auf der Flucht, für uns alle. 

Wenn ihr uns weiterhin unterstützt, werden wir auch 2024 vieles zum Besseren wenden können – herzlichen Dank! 

Doro und Team 

Per Überweisung:

Flüchtlingshilfe/Refugee Assistance – Doro Blancke Kontonummer: AT93 3842 0000 0002 7516

BIC: RZSTAT2G420

oder per Paypal: paypal.me/helfedorohelfen

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