Graz-Libyen-Mittelmeer und die Amsel im Hinterhof

Doro Blancke Asyl Kommentieren

Heute ist mir das widerfahren, wovor ich eigentlich immer Angst hatte. Ich habe einen 18 jährigen Refugee getroffen, der Libyen, Mittelmeer, Seenotrettung, das alles hinter sich hat.

Vorweg meinen innigsten Dank an Menschen wie unseren lieben Freund Claus-Peter Reisch, Kapitän der Mission Lifeline https://mission-lifeline.de/und all den anderen Seenotretter*innen für ihr Tun. Denn wie Christoph Riedl so treffend bei der Preisverleihung für Claus Peter sagte: „Seenotretterinnen und Seenotretter retten nicht nur – unter großer persönlicher Gefahr –  Menschenleben. Nein, Sie retten auch UNS. Sie retten die Ehre jedes einzelnen Menschen auf diesem europäischen Kontinent.„ https://blog.diakonie.at/das-duenne-eis-der-zivilisation?fbclid=IwAR1cwW-LIdxFI6E6bomrINfzfwi-zliv_VPS_YrXxeQsvR3mD5JZ02GUHFs

Eine liebe Freundin ruft mich an und erzählt mir von einem Jungen, erwähnt bereits sein Schicksal, er wurde ohne Ankündigung vom BMI von einem anderen Ort, nach Graz verlegt. Nach all diesen schrecklichsten Erlebnissen, die ihm bereits als Kind widerfahren sind, weg von seinem Therapeuten, seinen Ärzt*innen, seiner vertrauten Umgebung. Vom Schreibtisch aus ist das ja alles so leicht! „Schreibtischtäter*innen“.

Ich hatte Angst, ja, denn all diese Schicksale von den direkt Betroffenen zu hören, das steckt man nicht so einfach weg. Niemals werde ich mich daran gewöhnen.

Dann sitzt er vor mir, in der Sonne. Ich bin berührt von der Zartheit seines Wesens. Wir machen Smaltalk, müssen uns beschnuppern. Irgendwann, nach 1 Stunde erzählt er mir in sehr gutem Deutsch, dass er monatelang im Krankenhaus war, die Schwestern und Ärzt*innen ihn dort so freundlich behandelt hätten. Die Sonne scheint ihm ins Gesicht und jede einzelne, lautlose Träne die bei ihm fließt glitzert mir entgegen und macht mich sprachlos. Ich halte seine Hand und lausche.

Und plötzlich, ohne Vorwarnung von Libyen, dem Tod seiner Eltern, dem Moment als er sich hier in Österreich das Leben nehmen wollte, weil er schriftlich erfuhr, dass auch seine Schwester durch die Hände der WarLords Banden gestorben sei.

Er berichtet mir auch von einem Boot, das am Meer kaputt ging, von 120 Menschen, 17 davon nur überleben, stundenlang im kalten Wasser treibend bis ein privates Seenotrettungsschiff sie aufnahm. Auch, dass sein Bruder in den Tiefen des Meeres verschwunden sei.

Und dann haben wir hier, in unserem dekatenten Land einen Bundeskanzler, dessen größtes Problem bis jetzt darin bestand, dass er sein Studium nicht abgeschlossen hat, der mir, Euch und Ihnen sehr verehrte Damen und Herren darlegen möchte, dass Seenotrettung gegen das Gesetz sei? Auch daran werde ich mich nie gewöhnen und keine einzige Faser meines Herzens wird diesen, seinen menschlichen „Gesetzesbruch“ jemals akzeptieren. Er spricht von Schöpfung, doch wie heilig ist ihm das Leben selbst?

Wir werden alles was in unserer Macht steht tun, um diesen Jungen in ein sicheres, friedliches Leben zu begleiten. Wir werden alles tun, dass dieser Junge nicht dafür Deutsch gelernt hat, um von politisch Verantwortlichen diese unfassbaren Grausamkeiten zu hören und ich werde solange Gespräche mit Menschen führen, bis sie in Liebe und Verantwortung verstehen lernen, warum wir uns auf keinen Fall eine Verantwortung aufhalsen lassen dürfen, von Menschen, die jegliche Menschlichkeit und Wärme verloren haben. Und dies nur aus einem einzigen Grund, um persönlich an der Macht zu bleiben und sich an den eiskalten, kapitalistischen Töpfen zu laben.

Und ich bin fest davon überzeugt, dass der Tag kommen wird, an dem der jetzt junge Kanzler sich wird verantworten müssen, mit seiner Gefolgschaft. Dafür, dass sie jegliche Basis der Menschlichkeit, der Nächstenliebe als Schwäche deklarieren, dafür, dass sie Angst vorm Fremden streuen, statt aufrichtige, menschliche Lösungen zu erarbeiten und dafür, dass sie unseren Kindern eine Verantwortung, eine Schuld aufbürden, die diese niemals tragen können.

Und falls jetzt jemand sich die Mühe machen sollte und mir schreiben möchte „Europa könne nicht „alle“ nehmen“, denke ich wäre es wesentlicher sinnvoller bei den Verantwortlichen um ernsthafte Hilfe vor Ort und um die Bereitschaft zu bitten, auch anderen Menschen ein freies Leben in Würde zu gönnen. Denn solange in Libyen, Afghanistan, wherever solche Zustände herrschen und solange Menschen ertrinken müssen, weil sie nicht mehr, als um ihr nacktes Leben kämpfen, werden wir niemals zulassen, dass NGOs, SEENOTrettung und Helfer*innen kriminalisiert werden und es legitim ist, Menschen jämmerlich ersaufen zu lassen. Auch dann nicht, wenn wir dafür angegriffen werden!

Was das mit der Amsel im Hinterhof zu tun hat? Während ich hier arbeite trillert sie voller Stärke nach der langen, dunklen Zeit ihr Lied und bestätigt mir, es wird immer wieder Frühling, immer wieder ist das Leben stärker……

Wir und unsere Bereitschaft zur Liebe werden siegen.

#Menschenrechte #Menschenwürde #Libyen #Seenotrettung #Refugees #Nächstenliebe

Quelle Bild „Mission Lifeline“ HP

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