15. August 2021 – 1 Jahr Machtübernahme der Taliban in Afghanistan

Der 15. August 2021 war ein sehr schmerzhafter und schwarzer Tag für alle Afghan*innen und für all jene, die sich mit ihnen verbunden und solidarisch fühlen. Hätte die Welt jenen Afghan*innen, die in den Jahren vorher die Flucht aus dem Hochrisikogebiet Afghanistan geschafft haben mehr geglaubt, ihre Berichte und Schilderungen bei den Asylverfahren, -interviews ernst genommen, dann wäre niemand von der schnellen Machtübernahme dermaßen überrascht gewesen. Immer wieder beteuerten sie, dass die Taliban überall im Land gut vernetzt sind, mit den Behörden tlw. zusammenarbeiten und überall schon ihre Anhänger und Vertreter hätten.

Ein kurzer Rückblick

  • Beginn des Abzugs der US – und NATO Truppen aus Afghanistan im Mai 2021
  • Taliban erobern sehr schnell viele Gebiete zurück, afghanische Armee gab beinahe kampflos viele Provinzhauptstädte auf. 
  • Afghanischer Präsident Ashraf GHANI floh Mitte August aus dem Land, während die Taliban die Hauptstadt Kabul einnahmen und sich zum Sieger erklärten. 
  • Viele Afghan*innen, besonders jene, die mit internationalen Kräften, Regierung zusammengearbeitet haben, auch jene die für Menschen-, Frauenrechte und Bildung gekämpft haben befinden sich seither auf der Flucht oder müssen sich unter gefährlichsten Umständen im Land verstecken. Einige sind bereits verschollen, oder in Gefängnissen.  
  • Unter Beteiligung von mehr als 24 Ländern begann eine Evakuierung von Ausreiseberechtigten, darunter auch einige, im Verhältnis wenige, sogenannte Ortskräfte.  Diese Phase dauerte ca. 2 Wochen. Ca. 120.000 Menschen wurden evakuiert Eine beschämend kleine Zahl, wenn man daran denkt, wie groß die Welt ist, wieviel Geld die Nato in Afghanistan investiert hat, wieviel Gewinn mit Waffenhandel gemacht wurde und wieviel Einwohner*innen Afghanistan hat. 
  • Österreich war damals nicht aktiv, im Gegenteil:

Der damalige Innenminister Karl Nehammer, jetziger Bundeskanzler versuchte noch 12 Tage vor dem endgültigen Sieg des Terrorregimes der Taliban, afghanische Schutzsuchende aus Österreich, direkt nach Kabul abzuschieben. 

Trotz massiven Protesten von Seiten österreichischer NGOs und Intervention von Persönlichkeiten des Landes, wie Staatspreisträger Dr. Peter Waterhouse, Bischof Hermann Glettler, usw., ließ Karl Nehammer nicht von seinem Plan ab. 

Nur eine Gerichtsentscheidung konnte Nehammer und sein Vorhaben stoppen. Der ausschlaggebende Grund, warum die Abschiebung nicht durchgeführt werden konnte war eine Entscheidung des EGMR. Der Antrag wurde von Deserteur- und Flüchtlingsberatung/Wien gestellt, wofür wir noch heute unheimlich dankbar sind. https://www.derstandard.at/story/2000128659575/europaeischer-gerichtshof-fuer-menschenrechte-stoppt-abschiebung-nach-afghanistan

Am 18.8.21, 2 Tage nach der Machtübernahme der Taliban berichtet der Kurier: Nehammer bleibt bei Abschiebekurs von Afghanen in Österreich, er will Abschiebezentren in nördlichen Nachbarländern von Afghanistan forcieren und Hilfe vor Ort leisten. Was Hilfe vor Ort heißt kennen wir bereits aus Griechenland. 

Außenminister Alexander Schallenberg erdreistete sich zu sagen: „Wir werden die Taliban an ihren Taten messen“. Ein unglaublicher Zynismus bedenkt man, dass die Taliban eine radikal islamische Terrororganisation sind. Wir warten noch auf immer auf die Evaluierungsergebnisse des Außenministers. 

ORF schreibt jetzt, vor 2 Tagen: 

“Afghanistan sei sicherer geworden” 

Für alle Afghan*innen auf der Flucht, in Europa und anderswo und uns NGOs unbegreiflich.

Was versteht der ORF, öffentlich rechtlicher Rundfunk und seine Redakteur*innen unter Sicherheit?

Heute schreibt die Deutsche Welle, bekannt für unabhängigen und seriösen Journalismus:

Afghanistan zählt zu den ärmsten Ländern der Welt, die Sicherheitslage am Hindukusch ist desaströs. Das Land hungert und Zivilgesellschaft wird unterdrückt. 

Mädchen und Frauen leiden doppelt, neben der aktuellen Katastrophe im Land, wurden ihre Rechte intensiv beschnitten. Burka wurde wieder eingeführt, Bildung gestrichen, Ausgehen ohne Begleitung des Mannes, oder eines männlichen Familienangehörigen nicht möglich. 

Sicherheit?

Sicherheit aber auch nicht für all die jungen, starken, gesunden Männer in Afghanistan, wie das Innenministerium sie zu nennen pflegt. Unterordnung, strikt vorgegebene radikal muslimische Ansichten, Aufforderung zum Beitritt zu den Talibans, schlechte Bildung, Armut und vieles mehr. 

Sicherheit?

Millionen von Afghan*innen sind schwer traumatisiert, der Westen trägt dafür eine große Verantwortung. 

Jetzt und weiterhin: Jene die einst als Terroristen bekämpft wurden, deretwegen man unzählige militärische Anschläge durchgeführt hat, Millionen von Dollar für Waffen investiert hat, bei dem 1000ende von Zivilist*innen ihr Leben lassen mussten, sind heute legitime Ansprechpartner. Man traf sich mit Vertretern der Taliban in Doha.

Die meisten der Versprechungen seitens der Taliban, die in der Vereinbarung von Doha „Agreement for bringing peace to Afghanistan“ festgehalten und zugesichert wurden, sind bis heute nicht erfüllt. Wie auch, es ist nicht möglich mit Terroristen Vereinbarungen zu treffen.

Im Gegenteil, die Situation hat sich massiv verschlechtert.

Mädchen, älter als 12 Jahre dürfen jetzt nicht mehr zur Schule gehen. Sind ab dann großteils vollkommen willkürlich ihren männlichen Verwandten schutzlos ausgeliefert. Jedes 3. Mädchen wird von ihrer Familie bereits unter 18 Jahren  verheiratet. 

Frauen dürfen in den meisten Wirtschaftszweigen nicht mehr arbeiten. 

Sicherheit?

Die Vereinten Nationen warnen vor der weltweit größten humanitären Katastrophe. Es würden 3,9 Milliarden benötigt, damit sich die Lage nicht verschlechtert. Die internationale Gemeinschaft befindet sich in der Falle der Terroristen, man kann den Taliban das Geld nicht aushändigen. Sie wiederum machen den Westen für die Katastrophe im Land verantwortlich.

Die Opfer sind die Menschen, die Zivilgesellschaft. Ich kenne viele Afghan*innen hier in Österreich, in Griechenland und anderen europäischen Ländern die in größter, berechtigter Sorge um ihre Familien sind. Und die, das ist mir sehr wichtig zu sagen, trotzdem tagtäglich hier, mitten unter uns intensive Beiträge zu einer funktionierenden Gemeinschaft leisten. Wann wird das gewürdigt?

Wann denken wir darüber nach, wie können wir diese Menschen, unsere Freund*innen unterstützen, ihnen Wärme und Geborgenheit schenken, ohne mit ihnen über Integration und Leistung zu sprechen?Wann hören wir auf mit ihnen über unsere Werte zu sprechen, die es, so ehrlich müssen wir sein, in dieser Form gar nicht gibt. 

Die grausamen Verbrechen der illegalen Pushbacks in Griechenland, bei denen mehr als die Hälfte der Betroffenen Afghan*innen sind, die in größter Verzweiflung die zum Teil tödliche Fahrt über das offene Meer zw. Türkei und Griechenland auf sich nehmen, sprechen eine eigene Sprache. 

Dass das Innenministerium Afghan*innen seit Jahren auf positiv erledigte Aufenthaltsbescheide warten lässt und die Integrationsministerin ankommende Afghan*innen immer noch nicht vor Abschluss des Asylverfahrens  in offizielle Deutschkurse aufnimmt, geben ein weiteres Bild unserer europäischen Werte ab. 

Es gibt hier nichts zu sagen, was uns in einem besseren Licht erscheinen lassen würde. 

Doch geben wir die Hoffnung nicht auf. Bleiben wir konsequent gemeinsam mit den Betroffenen bei unsern Forderungen. Vergessen wir Afghanistan nicht. Bleiben wir verbunden. 

Denn WIR sind “oben” und WIR sind die Vorfahren von morgen. 

Drum zum Abschluss ein Gedicht der afghanischen Künstlerin, Hosnia Mohseni, von „Free women writers“, die voller Hoffnung schreibt. 

Der Tag wird kommen

Schwester,
der Tag wird kommen, da werden wir fliegen – du und ich,
über die stolzen Berge unseres Landes.

Ein Tag wird kommen, da werden die Türen nicht mehr verschlossen sein.
Und sich verlieben – das ist dann kein Verbrechen mehr.

Du und ich, wir werden unsere Haare fliegen lassen,
rote Kleider werden wir tragen
und die Vögel unserer weiten Wüsten
werden berauscht sein
von unserem Lachen.

Tanzen werden wir zwischen den roten Tulpen von Mazar
in Erinnerung an Rabia*.

Der Tag ist nicht mehr weit.
Vielleicht ist er nur eben um die Ecke.
Vielleicht wohnt er in unserer Poesie.

  • Wenn Sie/Du unsere Arbeit in Österreich, oder Griechenland für Geflüchtete unterstützen wollt, danken wir herzlichst für eine Spende.
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