Tagesablauf und Impressionen unserer täglichen Arbeit auf Lesbos

Doro Blancke Lesbos - Moria 1 Kommentar

Ich denke es ist auch wichtig, dass wir Euch verständlich machen, was und wie wir hier auf Lesbos für die Menschen im Camp #KaraTepe arbeiten.

Hier, im neuen Camp in der Nähe von Mytelini sind zur Zeit etwas über 8000 Menschen, Frauen, Männer, Kinder, Alte, Kranke. Es sind über 1000 Sommerzelte, die sich im Normalfall 6-7 Menschen, oft 2 Familien teilen. Dann gibt es auch noch ein paar Großzelte, in denen junge, allein reisende Menschen leben. Vorgestern hab ich mir die persönlich angesehen. Da nicht, wie in den Medien berichtet alle mit Betten ausgestattet sind, stehen in diesen Großzelten viele kleine Igluzelte, in denen die jungen Menschen Schlafplätze finden. Der Boden ist wie Beton, hart und kalt.

Geht man durch das Lager ist es ständig laut, es wird auch, begünstigt durch den Wind schon empfindlich kalt und zwischen den Zelten, die so dicht aneinander stehen, dass man kaum durchkommt, sind Rinnen gegraben, damit bei einem möglichen Regen das Wasser abrinnen kann. Was natürlich eine Illusion ist, denn dieser Boden hier nimmt kaum Wasser auf, und die von den Menschen auf der Flucht selbst gegrabenen „Sickergruben“ , Rinnen stellen eher eine psychologische Beruhigung dar. Wie wir aus der Vergangenheit bereits wissen, steht nach einem Tag Regen bereits ein Großteil des Camps unter Wasser. Wir alle fürchten uns sehr vor den Winterregen, wissen wir doch genau, was es in der Praxis für die Menschen hier bedeutet. Ihr weniges Hab und Gut naß, kaum eine trockene Schlafgelegenheit, frierende Kinder, kranke, unterkühlte Menschen.

Jetzt steht ein Lockdown bevor, ab Samstag dürfen die Menschen das Camp nicht mehr verlassen, dh. selbst die kleinen Besorgungen fallen weg. NGOs, Menschen, die keine Akkreditierung für das Camp haben, dürfen nicht hinein. Bereits bei unserem letzten Aufenthalt konnten wir uns mit Katarina und Nikos von Home for All verbinden und mit ihnen zusammen arbeiten. Diese NGO ist bereits seit Jahren auf Lesbos im besten Dienst für die Schutzsuchenden im Einsatz. Und sie dürfen auch ins Camp hinein, so auch wir mit ihnen. Sie kochen über 1000 warme Mahlzeiten pro Tag für besonders vulnerable Gruppen, wie Diabetiker*innen, alleinstehenden Mütter mit ihren Kindern. Sie liefern auch Essen zum Asylbüro, wo bis zu 80 Familien am Tag von morgens bis abends ohne Essen auf ihr Interview warten. Im Camp wird eine Liste erstellt,gerade fertig gemacht, sozusagen ein Lageplan, auf dem jedes Zelt mit Nummer und Bewohner*innen eingetragen wird. Das ist extrem zeitintensiv, mühsam, doch die einzige sinnvolle Art, wie wir dann gemeinsam die Menschen unterstützen können. Jacken, Kinderbedarf, Babycare, Hygieneartikel, Schuhe, alles kann pro Zelt in einen Sack gepackt und gebracht werden.

Man kann sich hier nicht in die Mitte des Camps stellen und Ware verteilen, das würde Chaos auslösen. Man muss sich vorstellen, man steht in einem Dorf mit 8000 Einwohner*innen und niemand der Menschen hat nicht mal das Notwendigste. Die Zelte abzuklappern und je nach Bewohner*innen das Notwendigste zu bringen ist die beste Unterstützung die man geben kann.

In einem Zelt sind das Pampers, Babybrei, Schnuller, im anderen Decken, oder Jacken. Seifen, Hygieneartikel, Socken, Hauben, Masken. Auch an die Kinder wollen wir denken. Wir haben für den Künstler Abdullah aus Afghanistan jede Menge Zeichenpapier, Bleistifte, Spitzer, Buntpapier gekauft, jeden Tag kommen Kinder zu ihm um mit ihm zu malen, zu zeichnen, ein paar Stunden beschäftigt zu sein und ihre Kinderherzen lachen zu lassen.

Die letzten beiden Tage waren wir nicht im Camp. Denn der Lockdown steht bevor, was heißt: Alle Geschäfte, außer Lebensmittelgeschäfte, Apotheken und einige Supermärkte, wie cash und carry haben geöffnet, alles andere ist zu. Wir wollten noch so viel wie möglich einkaufen, was man nachher nur mehr sehr schwer bekommt, wir aber dringend brauchen. Socken, Babyschnuller, Hauben, Pampers, Hygieneartikel, usw.. Die nächsten Tage werden wir dann passend für die jeweiligen Zelte die Unterstützungspakete packen. Wir können auch auf Dinge zugreifen, die uns geschickt wurden, die noch geschickt werden, auch Georg Jachan wird einen LKW voll sortierter Winterkleidung, Decken, usw. liefern. Nikos und Katharina haben ein warehouse und einen container, wo die Dinge zwischengelagert werden können.

Am Morgen fahren wir meistens in den Supermarkt, besorgen viele Dinge für die Küche, von riesen Dosen Tomatensauce, Säcke voller Zwiebel, Karotten, Paprika, Salz, Nudeln, was immer gebraucht wird.

Dann wird Essen abgepackt, Brot geschnitten, alles in den Van verstaut. Während ausgeliefert wird, gehen wir wieder einkaufen, oder wir fahren mit ins Camp.

Morgen früh werden wir zuerst 4 große Thermoboxen besorgen, in denen man bei der Fahrt zum Camp das Essen warm halten kann. Eine Box fasst ca. 90 Portionen. Kosten für alle 4 ca. 800€. Dringend notwendige Investition, denn eine warme Mahlzeit am Tag ist für jeden Menschen das Mindeste, besonders für vulnerable Gruppen in dieser außerordentlichen Situation.

Es wird bald finster um diese Jahreszeit. Wenn wir uns um ca 18 Uhr nochmal in der Taverna, der Küche treffen, schneidet Arja, eine langjährige Freundin und Unterstützerin von Nikos und Katherina schnell noch das Brot, als Beilage zur letzen Ausfahrt des Tages. Das Abendessen für die Mütter mit ihren Kindern.

Heute, 6. November waren wir im Camp, ich finde keine Worte! Außer: #LeaveNoOnBehind

Die Tage sind jeder für sich wieder eine neue Herausforderung, oft verschieben sich Dinge, man muss flexibel sein. Und trotzdem sind wir am Ende des Tages dankbar, wieder viel abgearbeitet zu haben, Menschen in größter Not auf die eine, oder andere Art Unterstützung geben zu können. Wer helfen möchte, 50€ sind ca 13 Mahlzeiten p.T., oder ca. 5 Babycare Pakete. Herzlichen Dank!

Doro Blancke AT93 3842 0000 0002 7516 BIC RZSTAT2G420 Betreff: Lesbos oder

Helga Longin „Unser Bruck hilft“ AT30 2021 6216 9756 3700, Betreff: Lesbos

Die Vorstellung, dass es jetzt auch hier empfindlich kalt wird, Regen und Stürme kommen, macht uns sehr zu schaffen. Die Realität, es ist immer noch keine Evakuierung des Camps in Sicht verursacht bei uns nur mehr noch Unverständnis und Fassungslosigkeit. Wenn Europa weiterhin zusieht, wie hier Menschen in der EU behandelt, eigentlich misshandelt werden, nur um eine populistische, weit von Menschenrechten entfernte Politik aufrecht zu erhalten, dann zerstören wir alle unsere demokratischen und humanitären Grundsätze.

#EvakuierungJetzt #Lesbos #Griechenland #Courage #Menschenrechte #144Leben #LeaveNoOneBehind

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