Persönliche Eindrücke von Kara Tepe, auf Lesbos

Doro Blancke Lesbos - Moria 2 Kommentare

Es ist eine ziemlich große Herausforderung von unserer Arbeit, von allem was wir hier erleben, Menschen hier, in der Europäischen Union erleiden müssen sachlich zu berichten.

Wenn ich dann hier in unserer warmen Unterkunft sitze, weiß, dass Helga und ich uns was Gutes kochen werden, das Holz im Ofen knistert, dann bin ich davon überzeugt, dass es nur mit einem gewissen Anteil an Emotionen gehen wird, Ihnen/Euch die Realität dieser unvorstellbaren Menschenrechtsbrüche verständlich zu machen. Wir sind im Frieden geboren, trotz all unserer persönlichen Probleme/Herausforderungen, die jede/jeder von uns hat und die wir im Wohlwollen zueinander auch ernst nehmen wollen. Wir leben in einem sozialen Umfeld, die meisten von uns kennen, Gott sei Dank, nicht das Gefühl Hunger zu haben, für die Kinder keine Kleidung, keinen warmen Schlafplatz, einen kleinen Plastikbecher mit Essen pro Tag, kalt.

Ich kann jetzt sachlich darüber reden.

Ich kann die Frage in den Raum stellen, warum wir einen Bundeskanzler haben, der von hungernden Kindern in „Tumpuktu“ zu reden beginnt, wenn hier, in einem Land der europäischen Union Kinder/Neugeborene weder Windeln, noch der Jahreszeit entsprechende Kleidung haben, geschweige denn Frühstück, Mittag- und Abendessen?

Ich kann auch sachlich nachfragen, warum wir einen Innenminister haben, der unser aller Steuergeld unerfreulich verwaltet, indem die groß inszenierten und von uns allen finanzierten Hilfsgüter für Menschen in größter Not schlicht und einfach nicht dort landen, wo sie sein sollten und dringend gebraucht werden?

Ich kann auch die Debatte in den Raum stellen, warum wir hier vor Ort lediglich bei Schönwetter, vor einigen Monaten eine Delegation von MEPs der europäischen Union gesehen haben und jetzt, wo die Lage ohne Übertreibung mehr als dramatisch wird, niemand im Camp Kara Tepe anzutreffen ist und alle von ihren Büros aus ihre Meinung, Vorschläge, Versprechungen dazu abgeben, was man jetzt, voraussichtlich in einigen Monaten, wenn der Winter vorbei ist, denn tun könnte.

Helga und ich verbringen die Zeit nicht nur im Camp, sondern Helga arbeitet extrem viel, gemeinsam mit Sarah im Warehouse von Home For All, sortiert, abpackt, während ich beim Cash und Carry den täglichen Kücheneinkauf erledige, Dinge kaufe, die uns fehlen, wie Pampers, Milchpulver, Hygieneartikel, usw..

Und dann ist da noch die Arbeit, die man als Mitglied einer Gruppe von verschiedenen NGOs und als Aktivisten auch noch zu erledigen hat. Anfragen und Gespräche mit befreundeten NGOs, Initiativen, die ja alle auch zum selben Thema tun. #LeaveNoOneBehind, #Courage, #WirHabenPlatz, usw. Es ist unglaublich stärkend in diese Gemeinschaft eingebettet zu sein, denn dieser Wahnsinn hier vor Ort kann wenn, dann nur im WIR beendet werde. Innigen Dank an alle, die zum Thema in Österreich tun!

Und die „politische“ Arbeit:

Fast gleich zermürbend wie das Elend hier. Ich bekomme Anrufe aus allen möglichen politischen Büros, von LH Leuten, Parlamentarier*innen, usw.. Mit großer Betroffenheit habe man meine Schreiben gelesen, man sehe auch den Ernst der Lage (bin ich mir nicht sicher), doch ich werde verstehen, dass ein öffentliches Statement nicht möglich ist. Sollte ich das verstehen?

Die einzig vernünftigen Ansprechpartnerinnen sind im Moment MEP Dr. Bettina Vollath, S&D, NRAbg. Dr. Steffi Krisper, NEOS und NRAbg. Katharina Kucharowits, SPÖ. Herzlichen Dank fürs konsequente Mitdenken, für Euer offenes Ohr und für Euer Tun.

Und nun zur Emotion:

Wie denken Sie/Ihr sollten wir uns fühlen, wenn wir täglich dieses massive Leid der Menschen miterleben? Meine Gefühle dazu, meine Ohnmacht, meinen Zorn und meine Trauer kann ich nicht einfach wegstecken. Will ich auch nicht. Ich will Mensch bleiben. Ich will mein Herz offen halten für Frauen auf der Flucht, die kurz vor ihrer Entbindung keine Ahnung haben, wo dieses Kind zur Welt kommt auf ihrer Herbergssuche. Im kalten Zelt, statt Herodes steht die EU, oder stolze Rechte Regierungsmitglieder wie Sebastian Kurz, Karl Nehammer.

Ich will Gefühle haben für Kinder, die durch ihre Flucht vor Krieg und Terror Jahre der unbeschwerten Kindheit, des Geborgensein in einer Gemeinschaft, des Schulbesuchs beraubt werden und statt dessen in kaputten Badeschlapfen, jetzt im November durch die Gegend stiefeln. Ich will Gefühle haben für 16 jährige junge Afghanen, die vor Terror und Korruption aus ihrer Heimat geflohen sind und denen man jetzt sagt sie seien volljährig, um sie problemlos in ein Kriegsland deportieren zu können. Und ich will Mitgefühl zeigen mit einer Gesellschaft, meiner, die schweigend, oder argumentierend daneben steht und erklärt, warum wir die Menschen auf der Flucht, eine der verletzlichsten Gruppe auf der Welt in diesem Dreck, in dieser Kälte, ohne die existenziellen Bedürfnisse alleine lässt und die Politik sie erbarmungslos dazu benützt Abschreckung zu zelebrieren und exzessiv Populismus zu betreiben, während ein Brief des BMI vor mir liegt, in dem versichert wird, dass IM Karl Nehammer „christlich-sozial“ geprägt ist, was immer das auch heißen mag.

Danke für Eure Aufmerksamkeit,

Doro

Unterstützung

Doro Blancke, AT93 3842 0000 0002 7516 Betreff: Lesbos

oder Helga Longin „Bruck hilft“ AT30 2021 6216 9756 3700, Lesbos

Kommentare 2

  1. Ihr leistet wichtige Arbeit unter offensichtlich äußerst schwierigen Bedingungen und weil ich dir persönlich vertraue und deine Arbeit schätze, bin ich auch gerne bereit, sie finanziell zu unterstützen. Auch wenn ich, wie du weißt, in manchen Teilbereichen deine/eure Meinung nicht teile, finde auch ich, dass man diese Lager sofort auflösen müsste, wobei es zu solchen Umständen, wie sie offenbar vor Ort herrschen, gar nie kommen dürfte. Aktuell müsste man jedenfalls dafür sorgen, dass alle Flüchtlinge in einem ordentlichen Prozess, der auch eine genaue Überprüfung der Menschen, die in diesen Lagern leben, einschließt (diese Verantwortung haben die Entscheidungsträger auch gegenüber der Bevölkerung in den Zielländern), auf Länder der EU verteilt werden.

    Dazu müsste man die Menschen einmal in feste, saubere Unterkünfte bringen, wo sie medizinisch und psychologisch betreut werden und wo man innerhalb von zwei bis drei Monaten entscheiden müsste, in welches EU-Land man sie bringt (sofern keine wichtigen Gründe dagegen sprechen – in der Zwischenzeit ist ja auch hinlänglich bekannt, dass es Leute gibt, die bewusst nach Europa kommen, um hier Terrorakte zu verüben, so wie der tunesische Flüchtling, der zunächst über Lampedusa nach Europa gekommen ist und dann nach Frankreich weiterreiste, um dort Menschen zu ermorden).

    Ich halte das im Augenblick für die einzig machbare Vorgangsweise, die mit humanistischen Grundsätzen vereinbar ist. Solche Lager darf es nie wieder geben.

    Du und viele andere deiner Mitstreiter und Mitstreiterinnen stellen hier und andernorts die Frage, warum denn so viele Menschen zu all dem Elend schweigen würden und wie schlimm das eurer Meinung nach sei. Erstens glaube ich nicht, dass so viele schweigen. Nicht jeder hat einen Twitter-Account und nicht jeder ist ein Freund der so genannten sozialen Medien. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass dieses Thema in vielen Familien heftig diskutiert wird. Das Bild der gleichgültigen Masse, das von manchen NGOs propagiert wird, stimmt meiner Meinung nach so keinesfalls. Es gibt Gründe für die Zurückhaltung mancher Menschen, die sich auf tatsächliche (durchaus nachvollziehbare) Sorgen und Befürchtungen zurückführen lassen.

    Viel zu wenig Beachtung findet diesbezüglich meiner Ansicht nach die „Ursachenforschung“. Das ist so, als ob man bei einer Krankheit ständig nur die Symptome behandeln würde und sich nie um die eigentliche Ursache des Krankheitsausbruchs kümmern würde. So wichtig die Auflösung dieser Lager als „Akutmaßnahme“ ist, so wichtig ist eine entschiedene Auseinandersetzung mit den Gründen für die Flucht der Menschen. Das zu besprechen, dafür bedarf es mehr Raum und Zeit als hier gegeben sind, aber klar ist, dass bei aller berechtigten Kritik am Westen die unglaubliche Gewalt und Zerstörungswut einem Konglomerat aus archaischen, religiös verbrämten Gesellschaftsstrukturen in Verbindung mit über Generationen hinweg an der Macht gehaltenen korrupten Eliten entspringt.

    Der Westen trägt sein beschämendes Schärflein zu dieser Situation bei, aber das Grundübel liegt darin, dass in den Herkunftsländern der Flüchtlinge eine zutiefst archaische, sich jeglicher Exegese verschließenden, menschenfeindliche Auslegung des Islams gepredigt und gelebt wird und diese schwappt verstärkt in unsere Länder über. Dies zeigt sich in einer rasant ansteigenden Zahl an so genannten islamistischen Zellen in unseren eigenen Gesellschaften. Wer dies ignoriert, schadet auch jenen Flüchtlingen, die vor solchen Gruppen geflohen sind.

    Europa weiß aus eigener Erfahrung, welch Unheil mit religiösem Machtrausch verbunden ist. In unzähligen „Glaubenskriegen“ wurde unser Kontinent mehrmals verwüstet, unsere Städte waren nach dem Morden fast menschenleer. Ein Ende kam erst mit der Aufklärung, mit der wir den Religionen den Stachel genommen haben.

    Religionsfreiheit ist ein wichtiges Gut, aber die Religionsausübung darf nur im Rahmen einer von der Aufklärung geprägten Gesellschaft erfolgen. Wenn wir – so wie von manchen wohl gefordert und leider schon vorgelebt – an diesen Grundfesten rütteln, dann kommt es auch bei uns zu einem Dammbruch, der unsere Gesellschaften ins Chaos stürzen wird.

    Böser Vorbote dafür ist der steigende Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche in Russland und die unsägliche Verbindung der katholischen Kirche in Polen mit den dortigen Machthabern.

    Wenn wir jetzt so tun als ob es keine gesellschaftliche Herausforderung wäre, eine große Anzahl von Menschen nach Europa zu holen, die zwar vor Krieg und Zerstörung geflüchtet sind, aber von denen nicht alle bereit sind, sich offen und deutlich zu einer aufgeklärten Gesellschaft zu bekennen, werden wir weder dabei helfen können, die Probleme vor Ort zu lösen noch den gesellschaftlichen Frieden aufrechterhalten können, den wir alle zurzeit in unseren Ländern genießen.

    Belege für diesen aufkeimenden Unfrieden gibt es leider schon vielerorts, man schaue sich nur die Situation in Frankreich, Schweden, aber auch in Bosnien an, wo der Einfluss der Saudis dazu geführt hat, dass riesige salafistische Zentren errichtet wurden, von denen auch Hassprediger nach Österreich geschickt werden.

    Dieser Kampf, und es ist ein Kampf, muss somit an mindestens zwei Fronten geführt werden: Als Akutmaßnahmen müssen bestehende Lager wie jene, in denen ihr arbeitet, sofort aufgelöst und die Menschen in Sicherheit und – nach entsprechender Prüfung – anschließend in die EU gebracht werden. In späterer Folge werden wohl auch muslimische Länder wie die reichen Staaten Qatar, Kuwait, der Oman, die VAE etc. ihre Verantwortung wahrnehmen und Menschen aufnehmen müssen. Europa ist nicht der einzige Kontinent, der hier in der Pflicht steht.

    Parallel dazu muss es endlich entschiedene Maßnahmen geben, um innerhalb Europas den muslimischen Gemeinschaften klar zu machen, dass es eines klaren Bekenntnisses zu einem demokratischen, aufgeklärten System bedarf.

    Die Kriege und die Zerstörungswut, die im Namen des Islams in vielen Ländern wüten, sind ein inner-islamisches Problem und das müssen sich die muslimischen Gemeinschaften endlich eingestehen. Auch wenn die Waffen oft aus dem Westen kommen, sind es Muslime die immer wieder Muslime ermorden und in ihrem Wahn dann auch alle, die ihrer Sichtweise zufolge „Ungläubige“ sind.

    Wenn die Menschen hier in Europa merken, dass man diese Probleme nicht ignoriert, ihre Bedenken nicht vom Tisch wischt, sie nicht pauschal als islamophob oder menschenfeindlich verunglimpft, weil sie einen gesellschaftlichen Konsens einfordern, der auf den Errungenschaften der Aufklärung beruht, dann wird es auch mehr Verständnis und eine sich auch in Taten zeigende Hilfsbereitschaft geben.

    Es braucht einen Dialog und der schließt nun einmal ein, dass man sich auch die Ängste und Sorgen der Bevölkerung in den Zielländern anhört. Schließlich müssen Einheimische und Zugewanderte einen Weg finden, in gegenseitigem Respekt miteinander friedlich zu leben und das geht nur, wenn man Ängste und Befürchtungen auf beiden Seiten berücksichtigt und von beiden Seiten Maßnahmen einfordert.

    Zugewanderte Muslime werden ihren Glauben nicht so praktizieren können, wie sie das in ihren Herkunftsländern getan haben. Das ist mit einer westlichen aufgeklärten Gesellschaft völlig unvereinbar und das müssen sich auch Hilfsorganisationen, die als Fürsprecher der geflüchteten Menschen agieren, eingestehen.

    Erst dann und vorausgesetzt, es kommt endlich zu einer inner-islamischen Auflehnung gegen die gesellschaftliche Barbarei im Namen der Religion, die sich ja nicht (nur) in den zurzeit heftig diskutierten Terrorangriffen erschöpft, sondern sich über unzählige alltägliche Verbrechen gegenüber Frauen, Andersgläubigen, sexuellen Minderheiten etc. erstreckt, wird es diese schrecklichen Lager nicht mehr geben, weil es die Gründe für die Flucht nicht mehr geben wird.

    Ich weiß, das ist keine „populäre“ Sichtweise unter NGOs und ihren Mitarbeitern, aber ich bin davon überzeugt, dass sie von vielen Menschen außerhalb dieser Organisationen geteilt wird. Wer – mit Fug und Recht – die Hilfsbereitschaft der Europäer in dieser außerordentlichen Situation einfordert, muss auch bereit sein, sich den genannten Herausforderungen zu stellen und erkennen, dass es nicht nur die Holschuld der Europäer, sondern im selben Ausmaß eine Bringschuld der Menschen gibt, die zu uns kommen. Alles andere ist Selbstbetrug, der niemandem hilft.

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      Lieber Robert!
      Ich danke Dir für Deinen ausführlichen Beitrag und die Offenlegung Deiner Sichtweise. Genauso wie ich es nicht gut finde refugees, Homosexuelle, oder andere Gruppierungen pauschal anzusprechen, finde ich auch Aussagen wie “Sichtweisen der NGOs” nicht befriedigend.
      Gerade ich gehöre ja und ich darf sagen auch meine konstanten Mitstreiter*innen zu jenen Vertreter*innen, die “geben und nehmen” fordern und auch leben.
      Ich denke Du erinnerst Dich an meine Arbeit in der Südsteiermark, wo mir das teilweise auch zum Vorwurf gemacht wurde,
      Auch, dass ich einen fanatischen Vertreter einen irregeführten Auslegung des Islams der Inneren Sicherheit gemeldet habe ist Dir auch bekannt.
      Das Resultat der Integration jener jungen Menschen, mit denen wir gearbeitet haben und tlw noch arbeiten kann sich sehen lassen. Die “Rezepte” dafür kennst Du auch. Konstante Begleitung, Aufnehmen in liebende Gemeinschaft, genauso aber die Forderung der Akzeptanz unserer Lebensvorstellungen und Werte.

      Trotzdem finde ich, dass hier zu viele Themen vermischt werden, auch wenn jedes seine Bedeutung hat.
      Ich persönlich fordere faire Asylverfahren in einem Zeitraum, der erträglich für Menschen ist, ca. 6 Monate. Ich akzeptiere in keinster Weise, dass auf den griechischen Inseln Menschen bis zu 4 Jahren in maßlos überfüllten Lagern ausharren müssen, die ua genauso in ihrem Elend ein Nährboden für Radikalisierung sind.
      Ein Camp für 3000 Menschen konzipiert beherbergt in Spitzenzeiten 22.000 Menschen, untragbar!

      Kriege in den Herkunftsländern: könnten bei entsprechendem Willen des Westens easy beendet werden, besteht wohl kein Interesse, im Gegenteil, man befeuert sie.
      80% der jungen Menschen denen ich begegnen durfte wären überglücklich, wenn sie zurück in ihre Heimat könnten.

      Bosnien, ein massives Problem, auf das ich seit 2016 aufmerksam mache! Wen interessiert es?

      Drum bin ich hier, Menschen in einer inakzeptablen Notlage zu helfen, wäre froh, wenn kein Bedarf bestünde.

      Innigen Dank für die zugesagte Unterstützung, liebsten Gruß, Doro

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