Nächtliche Küchengedanken

Doro Blancke Allgemein, Wir sind viele 4 Kommentare

Wir haben uns dieses Wochenende in unserer WG von unserem Christbaum verabschiedet. Er war ein Geschenk von Mulham an uns alle. So wie wir ihn gemeinsam geschmückt haben, haben wir ihn gestern gemeinsam abgeräumt. Die Jungs brachten ihn dann zum Sammelplatz. Und irgendwie hat sich dieser Tag dann zum Aufbruch entwickelt. Wir haben unsere ganze Wohnung auf den Kopf gestellt. Umgeräumt, ins Detail geputzt, der große Zitronenbaum wanderte von meinem Zimmer in unser gemeinsames Wohnzimmer. Die Jungs werkten auch den ganzen Tag, alles bereit für eine neue Zeit.

Jetzt sitz ich hier und lass meinen Gedanken freien Lauf.
Morgen treffe ich meine Tochter, um mit ihr die weitere Arbeit für #StopDeportationToAfghanistan zu besprechen. Viele neue Photos und Statements sind eingetroffen.
Es kommt auch ein junger Mann dazu, der Bruder vom Freund meines Sohnes. Er bewirbt sich an einer Universität für Photo und Film. Wird sich ehrenamtlich ins Projekt einbringen. Wir möchten junge Betroffene zu unserer Aktion dazu holen, besprechen gerade wie wir das gut hinkriegen. Die Sorge, die traurige Kenntnis ihrer Heimat Afghanistan, die politische Ablehnung, die sie hier erfahren zum Ausdruck zu bringen und sie trotzdem in ihrer ganzen Kraft und Würde strahlen zu lassen. Ich bin sehr dankbar, wie sich mein Umfeld, die Jungen hier einbringen.

Ich denke an meine Freundinnen/Kolleginnen und ich denke an meine Jungs. Etliche von ihnen stehen hier bei uns im Leben, sie studieren, arbeiten, lernen, gehen in Deutschkurse. Bildung war und ist eines unserer Themen. Und ich denke an die anderen, die Österreich verlassen mussten, mit B2/C1 Zeugnissen in der Tasche, abgeschoben, oder weiter auf der Flucht. An A. Jan, der in Indien ist an der Uni und wartet, bis alles für den nächsten Schritt erledigt ist, an Rahim, den wir alle so vermissen, an Blümchen, der mit 12 die Heimat verlassen musste und wieder unterwegs ist, und, und….
Einige meiner Freundinnen/Kolleginnen treffe ich nächste Woche in Wien zur Besprechung der Kampagne #Fairlassen. Es gab keine erhoffte Besserung in der Sache Bundesbetreuungsagentur/#BBU.

„Ministerielle“ Rechtsberatung, Isolation von Schutzsuchenden, die gravierende psychische Folgen haben wird, 3 grenznahe Asylzentren, in denen unter Ausschluss der Zivilgesellschaft alles abgehandelt werden soll, was Asyl betrifft. Ein Blick auf unsere HP/Textperlen
http://www.fairness-asyl.at/textperlen-im-asylverfahren/
verrät warum wir NGOs, Helfer*innen, Pat*innen, Freund*innen, aber auch Jurist*innen, Rechtsanwält*innen größte Bedenken darüber äußern. Es gibt viele Gründe warum politische Parteien, denen Schutzsuchende ein Dorn im Auge sind die Asylverfahren, abgeschottet von der Öffentlichkeit abhandeln wollen.

Ich mache mir intensive Gedanken, ob es in unserem Land Menschen geben würde, die ihre Kreativität, ihre Lebenserfahrung, ihr Know-how ehrenamtlich zur Verfügung stellen für eine Kampagne, frei nach dem Thema das Christoph Riedl des Öfteren anspricht:
Retten wir die Menschlichkeit“.

Es gibt 1000ende wunderbare Erfolgsgeschichten in unserem Land, von Menschen die nach extremen Kriegserfahrungen, strapaziöser Flucht hier bei uns gelandet sind und ihr Bestes gegeben haben, um ein neues Leben aufzubauen. Ich und viele andere haben die letzten Jahre extrem viel darüber berichtet.

Jetzt hat sich die Lage geändert. Nicht nur jene Menschen sind schutzbedürftig, da jahrelang der Hass gegen sie bewusst geschürt wurde. Auch wir als Gesellschaft stehen vor einer großen Herausforderung, die emotionale Ebene hinkt verletzt hinter der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung hinter her. Insofern sind auch wir eine schutzbedürftige Gesellschaft geworden.

Klingt theatralisch, ist aber sehr real. Zeit ist Geld, Geiz ist geil, das können wir uns nicht leisten, sind alles Sprüche die täglich unsere Gedanken manipulieren.
Viele verschiedene Gruppen treffen aufeinander. Jene, die Flüchtlinge begleiten, jene die finden es ist gut , dass es Begleitung gibt, jene die davon berichten, eigentlich aber große NGOs leiten und vom praktischen Leben der Betroffenen wenig Ahnung haben, jene die schweigen aus unterschiedlichen Gründen, doch sich so sehr wünschen, dass jemand kommt und ihnen die Brücke baut zum Reden und jene die möchten, aber aus unterschiedlichen Situationen nicht können.

Und die, die das Thema nicht mehr hören können/wollen und die, die die Schutzsuchenden weg haben wollen.

Und hier stellt sich die große Frage, die mich heute Nacht beschäftigt: wie fassen wir all jene, ausgenommen der letzteren zusammen, um unser aller Anspruch auf Menschlichkeit zu erheben?

Wie schaffen wir es, den Menschen spüren zu lassen, dass es Sinn macht sich mit Werten, mit Nächstenliebe, mit humanitären Lösungen auseinander zu setzen. Wie entfachen wir in der Gesellschaft die Neugierde und den Mut zu entdecken, wozu wir in der Lage sind/wären.

Es geht nicht mehr nur um die Schutzsuchenden. Nein, es geht um unsere Gesellschaft. Lassen wir uns nicht einreden Empathie, Mitgefühl sei einfach nicht mehr leistbar, lassen wir uns nicht auseinander dividieren nach Herkunft, Religion, Bildung, Geschlecht. Finden wir Wege, wie wir uns langsam und behutsam wieder dem annähern was wir sind: Menschen.
Und unterstützen wir uns gegenseitig beim Entfalten von Empathie, beim „über den Gartenzaun schaun“, beim Einlassen auf neue Wege.

Es stimmt, das ist nicht leicht. Doch welche Veränderung ist leicht? Vieles ist neu, unbekannt, macht uns Angst. Doch am Ende werden wir uns, in der Freude über den gelungenen Ausgang gestärkt und zufrieden wieder finden.

Hören wir nicht auf nach diesem Weg zu suchen. Denn wir haben große Verantwortung für die Seelen unserer Kinder. Und dies bedarf viel mehr, als rein wirtschaftliche und politische Lösungen je in der Lage sein werden zu schenken.

Nächtliche Küchengedanken, auch wenn mir morgen der Schlaf fehlen wird, wie dankbar bin ich, dass es sie gibt.

Kommentare 4

    1. Post
      Author
  1. Weil’s sehr gut zu deinem Text passt (Khalil kennt den Spruch sicher): زندگی مانند یک نفس کوتاه است – چیزی جز عشق بکارید.

    1. Post
      Author

      Lieber Robert!
      Danke!
      Wir versuchen Liebe zu hinterlassen. Schön, dass ich Dich und Klaus mit dabei weiß!
      Khalila sagt, sehr schön, sehr poetisch.
      Herzlichst, Doro

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.