Lesbos – kurzer Besuch Zuhause, unser Team bleibt

Heute fliegen mein Kollege Fayad und ich für kurze Zeit nach Hause.
Wie immer bin ich ambivalent.

Wieder ein Abschied von vielen Menschen, zu denen wir Beziehung, Vertrauen aufgebaut haben.
Wieder ein Abschied von Menschen in größter Not.

Und die Vorfreude auf Zuhause.
Meine Kinder, meine Familie, Freund*innen, zurück nach Graz, einer Stadt, in der jetzt Dunkelrot-Grün-Rot kommt.

Wie immer hin und her gerissen.

Und doch, es gibt Umstände, die alles viel leichter machen:

Unsere Volunteers bleiben vor Ort.
Camillo, Maresi, Mohammad Ali, Mohammad Reza, Nesar, Omid und Sharef leisten Arbeit, die besser nicht sein könnte, sind ein wunderbares Team, bestens eingespielt. Sie wissen, was uns bei unserer Arbeit wichtig ist. Sich einlassen auf Menschen, gut zuhören, Bedürfnisse erkennen und die Fähigkeit haben, trotz Nähe und Verbundenheit die eigenen Grenzen zu kennen. Sie alle haben in den letzten Wochen bewiesen, dass sie das können.

Egal ob bei den Lebensmittelverteilungen, beim Homeschooling, beim Verteilen der Ladybags, bei persönlichen Unterstützungen wie Umsiedelung in eine andere Unterkunft, bei Vernetzung von Rechtsbeistand, medizinischen oder psychologischen Terminen.
Bei Einkäufen für bevorstehende Geburten, bei sehr persönlichen Gesprächen über Flucht und unfassbar traurigen Erlebnissen am Weg.
Ein großes Danke an diese internationale Gemeinschaft, die hart arbeitet für Menschen auf der Flucht und dabei niemals die Menschlichkeit vergisst. Ich fühle mich sehr verbunden mit ihnen, denn nur gemeinsam können wir diese Arbeit hier tun.

Fayad hat für die Zeit unserer Abwesenheit unser Warehouse aufgefüllt, es ist alles griffbereit, was gebraucht werden könnte. Er hat auch eine gemütliche Ecke organisiert, denn es ist wichtig, dass wir einen Platz haben, an dem wir uns gemeinsam austauschen können, auch mal miteinander frühstücken, bevor es los geht.
Wie immer kümmert er sich verlässlichst um alle organisatorischen Dinge. Mit seiner Genauigkeit und Liebe zum Mensch sorgt er täglich dafür, dass jede/jeder die Aufgaben erledigen kann, die sie/er übernommen hat.
Die Menschen haben ihn ins Herz geschlossen, alle, Groß und Klein.

Zutiefst empört mich immer, wenn ich hier herkomme oder die Insel verlasse, wie offensichtlich es ist, dass die Politik hier, wie überall an den EU Außengrenzen, Menschen grausam und unwürdigst behandelt, Menschen zum Spielball macht für offen gelebte Abschreckungspolitik.
Wir leisten hier in Griechenland Katastrophenhilfe, weil die Politik es nicht tun will und weil wir, dank vielen Unterstützer*innen und unserem persönlichen Umfeld, in der Lage sind dazu.

Weil wir nicht akzeptieren, dass Menschen hier Jahre ihres Lebens gestohlen werden. „You have to wait“ ist der Standardsatz der Behörden, egal was sie brauchen. Immer noch warten etliche Familien aus Kriegs- und Hochrisikogebieten wie Afghanistan, Somalia, usw. und solche mit ganz persönlichen Fluchtgründen in einem Camp, das sie bereits vom letzten Winter her kennen.
Ein Großteil derer, die die Insel verlassen konnten, wegen Asyl, leben unter unfassbaren Umständen in Auffangcamps, ohne Unterstützung, oder sind obdachlos.
Bis heute hat die Europäische Union zu keiner gemeinsamen Asylpolitik gefunden. Die Länder an den EU Außengrenzen werden nicht durch gemeinsames Handeln entlastet, dafür schüttelt man sich hinter den Kulissen die Hände bezüglich illegalen Pushbacks am Mittelmeer, brutalsten Misshandlungen von Menschen an den kroatischen und polnischen Grenzen.
Offene Wunden, bis hin zum Erfrierungstod sind an der Tagesordnung, während diplomatische Politiker*innen von Menschenrecht und Realpolitik reden. Es muss uns klar sein/werden, dass diese Grausamkeiten, die hier, an den Grenzen Europas, ihren Höhepunkt finden auf uns alle zurückfallen werden.

70% derer, die hier auf Lesvos waren, bekamen Asyl, sprich, sie werden gemeinsam mit uns die Zukunft Europas prägen.
Welchen Einfluss auf unser aller Zusammenleben wird diese brutale Gangart auf uns alle haben?

Wie sollen Kinder, die hier jahrelang keine Aufmerksamkeit erhielten, die ihre Eltern durch von uns zugefügtes Leid gehen gesehen haben, wie sollen diese Kinder uns Europäer*innen, die wir von Werten und Menschenrechten reden und bei all den Dramen zusehen, jemals lieben, sich mit uns verbunden fühlen?

Fayad und ich sind am Heimflug, es gibt auch in Österreich viel zu erledigen. Denn auch hier müssen wir für die verankerten Rechte von Schutzsuchenden kämpfen.
Das BMI/BFA unter Innenminister Nehammer will/kann es nicht.
Noch immer warten hunderte von Minderjährigen auf eine gesetzliche Vorsorge.
Noch immer spricht Nehammer von illegalen Migrant*innen in Griechenland, obwohl 70% Asyl erhielten.
Noch immer lobt Nehammer Kroatien und Griechenland für die gute Arbeit, den Schutz der Außengrenzen.
Misshandlungen, illegale Pushbacks sind für ihn kein Thema.
Erbärmlich!

Bald kommen wir wieder hier her und immer wieder trage ich die Hoffnung im Herzen, dass von uns nicht erwartet wird zu feiern, dass Menschen in diesem Camp auf Lesbos, Moria 2, Strom und Duschen haben und besonders vulnerable Personen eine Wohnung, wenn auch total verschimmelt.

Ich trage die Hoffnung, gemeinsam mit der Trauer und der Entrüstung, im Herzen. Und jedes Mal wieder, wenn ich nach Griechenland zurückkomme, wird die Entrüstung genährt, die auch in meiner Heimat Österreich durch die Verweigerung einer Aufnahme von zum Großteil obdachlosen Asylberechtigten befeuert wird.

Für die Menschen in Not kommen wir bald wieder, und für uns, um unsere Werte und Menschenrechte zu verteidigen.

Wir danken von Herzen für die Unterstützung unserer Arbeit

Flüchtlingshilfe/refugee assistance-doro blancke
AT93 3842 0000 0002 7516

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