Lesbos – Juni 2022

Auch wenn in den österreichischen Medien das Thema „Griechenland, Asylsuchende, ägäische Inseln“ totgeschwiegen wird, heißt das nicht, dass alles seine Rechtmäßigkeit hat und die Geflüchteten gemäß europäischen Standards behandelt werden.

Genau das Gegenteil ist der Fall.

Bevor ich berichte, was wir vor Ort Dank Eurer Hilfe alles tun können, ist es mir wichtig, über die Zustände auf Lesbos, den anderen Inseln und am Festland/Athen zu berichten. Ich empfinde es als mehr als dringend, dass die europäische Zivilbevölkerung weiß, welche Menschenrechtsbrüche, Verbrechen an Schutzsuchenden sich dort abspielen. Im Namen Europas, unter den Augen der europäischen Kommission und den Mitgliedsstaaten.

Immer wenn ich nach einigen Tagen in Österreich auf die Insel Lesbos zurückkehre, erlebe ich den Schmerz bereits bei der Landung. Egal, wer mich vom Flughafen abholt, neben der Freude des Wiedersehens hört man sofort über die Dramen.

Pushbacks, die mittlerweile dermaßen ausarten, dass man es kaum glauben kann. Menschen auf der Flucht, die bereits auf der Insel gelandet sind, also nach internationalem Recht ein Anrecht auf ein Asylverfahren haben, werden von „Schattenpolizei“, die vermummt und bewaffnet in VANs ohne Nummernschilder herumfährt und die Gelandeten sucht, mitgenommen, in Container gesperrt. Es spielt keine Rollen, ob Menschen mit Kriegsverletzungen, Männer, Frauen, oder Kinder. Diese „Menschenjäger“ kennen keine Gnade.

Dann werden die Menschen in Container gesperrt, oft müssen sie sich beinahe nackt ausziehen, werden all ihrer Habseligkeiten inkl. Geld und Mobiltelefonen beraubt.

Im Morgengrauen werden die Geflüchteten dann auf „Rettungsinseln“ gezwungen, was auch oft mit körperlicher Gewalt einhergeht, Nasenbrüche, usw. sind dabei keine Seltenheit.

Auf diesen schwimmenden Inseln werden die Geflüchteten dann auf dem offenen Meer zur Wassergrenze Türkei gebracht. Durch Schubsen und Stoßen des Bootes wird verhindert, dass die Menschen zurückkehren können. Die Türkische Coast Guard wird verständigt, diese nehmen die Geflüchteten dann wieder in Empfang.

Auch wenn Europa behauptet, alle halten die Menschenrechte ein, können all jene, die vor Ort sind, mit Geflüchteten zu tun haben ganz andere Dinge erzählen.

Wenn Bundeskanzler Nehammer und ÖVP Generalsekretärin Laura Sachslehner konsequenteren Grenzschutz fordern, dann fordern sie wissentlich diese Verbrechen. Denn allen europäischen Politiker*innen ist bekannt, dass die Geflüchteten vom Land, den Inseln aus gepusht werden.

Es ist grausam und rechtswidrig.

RIC Camp Mavorouni /Lesbos

Auch im Camp hat sich die Situation für die Geflüchteten nicht wesentlich verbessert. Ja, wie wir immer wieder berichten, man feiert jetzt den „Erfolg“, dass die Menschen Duschen haben, weniger Asylsuchende im Camp sind.

Doch wir sollten weiterhin dringend auch über die unheimlichen Belastungen sprechen, die den Neuankömmlingen zugemutet werden.

Alle, die es bis ins Camp schaffen, müssen wenige Tage später bereits zum Erstinterview kommen. Mit unzureichender Vorbereitung und in einem persönlich sehr schlimmen Zustand. Die Flucht war lang, anstrengend und grausam.

Das ist insofern schrecklich, weil die Menschen oft gar nicht wissen, was Asylgründe sind. Frauen erzählen ohne gute Vorbereitung kaum von Zwangsverheiratung, Beschneidung, Vergewaltigungen, uvm.

Auch junge Männer haben sehr oft Missbrauch hinter sich. Die Schande ist so groß, dass alle vermeiden, darüber zu reden. Ein Vorgespräch mit guten, erfahrenen Rechtsanwält*innen würde diese Problematiken zu Tage bringen. Die Menschen werden bewusst seitens der Regierung alleine gelassen.

Abschreckungspolitik ist der Leitfaden!

Das erste Interview beschäftigt sich auch intensiv mit der Möglichkeit, die Menschen in die Türkei abzuschieben. Für manche Geflüchtete kann das in Folge den Tod bedeuten. Erdogan schiebt beispielsweise bereits wieder nach Kabul/Afghanistan ab. Über 850 Menschen die letzten Wochen. Diese Dinge darf Europa nicht akzeptieren, in die Türkei abzuschieben ist für die meisten Geflüchteten eine Katastrophe.

Was wir tun:

Wir sind nach wie vor durchgehend auf der Insel Lesbos vertreten und bieten hier Unterstützung an.
Folgende Tätigkeiten übernehmen wir dabei:

  • Wöchentliche Verteilung von Lebensmittelpaketen an alle, die außerhalb des Camps leben und keinerlei Unterstützung seitens der Regierung bekommen – darunter sind viele Familien
  • Monatliche Verteilung von Hygiene- und Babypaketen
  • Dreimal wöchentlich Sprachkurse: Englisch und Deutsch 
  • “Clean Up” Projekt: Gemeinsam mit Geflüchteten reinigen wir Stadt und Strand von den Unmengen an Plastik, ein schönes Umweltprojekt. Jetzt hat sich auch eine Frauengruppe gemeldet, die teilnehmen möchte. 
  • Gemeinschaftsprojekt “PAREA” mit 9 anderen NGOs: Das ehem. Gelände von One Happy Family oberhalb des Camps wird weiter betrieben. Hier gibt es Sportkurse, Handwerksräume, eine Radwerkstatt, einen Zirkus, therapeutische Angebote von Medical Volunteers International, Musikgruppen, einen Garten, in dem man mitarbeiten kann, uvm. 
  • Wohnungen: Wir mieten immer wieder für besonders vulnerable Menschen auf Lesbos Wohnungen. Die letzte Familie, die wir untergebracht hatten, war eine afrikanische Familie mit 2 Kindern. Wir konnten erreichen, dass sie ins St. Egidio Projekt aufgenommen wurden und jetzt wohlbehalten in Italien gelandet sind. 
  • Freies Radio auf Lesbos: In Kooperation mit Radio Helsinki/freies Radio Graz wurde ein Außenstudio (Technik geht in einen Koffer) installiert. Zwei Teammitglieder von Graz waren zwei Wochen auf der Insel. Wir haben ihnen zwei junge Geflüchtete vorgestellt, Mo und Aziz, die sich für das Radioteam wunderbar geeignet haben. Die erste Sendung ist bereits online. Die beiden erhalten jetzt für ein Jahr eine Anstellung/Radio auf Lesbos, ein wunderbares Projekt. 
  • Legal Advice – Rechtsberatung – Lesbos: Unser Verein finanziert ein Rechtsberatungsprojekt auf der Insel Lesbos und für besonders vulnerable Fälle in Athen. Die griechischen Anwältinnen, die dieses Projekt in der Praxis betreiben, sind von DCI-Defence for Children International/Greece. Sie konnten im ersten Halbjahr bereits über 150 Fälle positiv abarbeiten. Wir werden dieses Projekt aufgrund der erfolgreichen Arbeit, die das Team rund um Nantina Tsekeri leistet, bis Ende des Jahres verlängern. 
  • Unterstützung anderer NGOs: Wir werden immer wieder angefragt, ob wir kleinere Projekte von anderen NGOs unterstützen können, was wir auch immer wieder gerne tun. Frauenprojekte sind uns dabei ein großes Anliegen. So unterstützen wir z.B. Wish und Bashira. Auch im Gemeinschaftsprojekt PAREA sind wir immer wieder unterstützend tätig.
  • Persönliche Begleitung von Geflüchteten: Die persönliche Begleitung ist mir persönlich ein besonderes Anliegen. Den Menschen Zuversicht und Menschlichkeit zu schenken. So habe ich, haben wir bereits viele persönliche Kontakte geknüpft und begleiten die Menschen sehr intensiv und weitreichend. 
  • Politische Arbeit: Unser Ziel ist es, dieses Asylsystem so zu verändern, dass wir, die NGOs, nicht mehr vor Ort sein müssen. Deshalb sind wir in regelmäßigem Austausch mit EU Parlamentarier*innen und nationalen Abgeordneten. Auch mit Journalist*innen sind wir verbunden und berichten immer wieder. 

Diese überaus wichtige Arbeit könnten wir nicht ohne Eure/Ihre Unterstützung tun. Dafür möchten wir aufrichtig danken!

Wenn Ihr/Sie uns weiterhin unterstützten möchtet/möchten, wir freuen uns immer über Spenden, denn jeder Euro zählt!

Flüchtlingshilfe/refugee assistance – Doro Blancke
IBAN: AT93 3842 0000 0002 7516
Oder über Paypal: paypal.me/helfedorohelfen

Vielen herzlichen Dank!
Alles Liebe,

Doro Blancke und Team

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