Ich bin online

Doro Blancke Allgemein 7 Kommentare

Heute geht meine neue Homepage online und ich bin mehr als glücklich darüber.

Denn für viele Menschen auf der Flucht geht es jetzt ans „Eingemachte“ und sie brauchen uns mehr denn je!

Ich arbeite seit 4 Jahren  vorwiegend mit und für jungen Flüchtlingen aus Syrien und Afghanistan.

Ich bin die Gründerin von „Gib mir deine Hand“, dieser Verein war die erste Zeit vorwiegend in der Südsteiermark aktiv. Ich war 2 Monate im täglichen Einsatz an der Grenze Spielfeld, ua als Koordinatorin der Dolmetscher für die EL. Bereits hier haben viele der von uns betreuten jungen Männer mit ihrer sehr sozialen und konsequenten Arbeit Österreich einen unbezahlbaren, ehrenamtlichen Dienst erwiesen.

Wir haben viele tolle Projekte auf die Beine gestellt.

Ehrenamtliche Deutschkurse, eine Kooperation mit der FH Joanneum Graz/Deutschkurse, Refugee Coffe, Aktion:Bahnhof, Let‘s cook 2gether. Wir haben ehrenamtliche Flüchtlinge in die Schulen geschickt um die Kinder und die LehrerInnen am Anfang bei der Kommunikation zu unterstützen, wir haben Menschen aus unterschiedlichsten Ländern mit ÖsterreicherInnen vernetzt um gegenseitige Vorbehalte und Ängste abzubauen und den Grundstein für ein gutes gemeinsames Leben zu legen.

Wir haben erfolgreich Schulplätze und Lehrstellen gesucht. Viele der Jungs, denen wir vor 3,5 Jahren das erste Mal begegnet sind, haben beachtliche Erfolge und stehen mitten in unserer Gemeinschaft.

Was mir immer wieder aufgefallen ist und was auch denke ich ein Teil des Erfolgsrezept ist: die Jungs brauchen Liebe und Regeln.

Stellen Sie sich vor, Sie müssen aus traurigsten Umständen, Krieg, Terror, Radikalismus, usw Ihre Heimat, vor allem aber Ihre geliebte Familie verlassen. Sie müssen alles hinter sich lassen, was Sie trotz Krieg, trotz Angst geliebt haben. Ihre Eltern, ihre Geschwister, den Geruch der vertrauten Umgebung, den Schlafplatz, die Großeltern, die FreundInnen, ihren Hund, alles woran sie emotional hängen und was genau jenen Dinge waren, die Ihnen zwischen Kriegshorror, Bombenanschlägen, Überfällen von radikalen Truppen, mafiösen Machenschaften die Ruhe und Sicherheit geschenkt haben, die Sie zum Überleben gebraucht haben.

Die jungen Menschen waren tapfer, haben all ihre Kraft, ihren Mut aktiviert, haben übermenschliches auf sich genommen, um diese schwere Reise ins Ungewisse irgendwie zu bewältigen.

Am Weg auf der Flucht begegneten viele von ihnen nochmals den dunkelsten Seiten der Menschheit. Hier in Europa: Kinder- und Organhandel, skrupellosen Schleppern, Mafia, von der sie zum Arbeiten gezwungen wurden, Aggression in Höchstform.

Was ihnen jetzt hier bei uns am meisten fehlt und wovon kein einziger Mensch der Regierungsparteien spricht sind Personen, denen sie sich anvertrauen können, wo sie ihre geheimen Tränen fließen lassen können, Gespräche führen, über ihren großen Kummer des Verlusts sprechen dürfen.

Jemand der ihnen die Hand gibt, mal über ihr Gesicht streichelt, ein Taschentuch reicht, wenn die Tränen fließen, oder auch mit ihnen weint, Anteil nimmt, wenn in der fernen Heimat jemand stirbt, ihnen zeigt, wie viel uns ihr Schicksal, ihr Leben bedeutet. Ja, das brauchen diese junge Menschen, so wie wir das alle brauchen.

Man benötigt  Zeit um Vertrauen aufzubauen. Doch die Investition in diese Zeit, das Vertraut werden mit diesen jungen Flüchtlingen ist für uns alle von unschätzbarem Wert. Wir lernen uns gegenseitig kennen, wir bauen Ängste ab, wir verweben uns zu einer aktiven Gemeinschaft und wir beginnen uns gegenseitig Solidarität zu schenken. Verletzungen, Wunden können heilen und langsam können sich die Seelen wieder öffnen. Eine Entwicklung, die unheimlich wichtig ist für ein gesellschaftlich gutes Miteinander. Für uns alle und für die nachfolgende Generation, unser aller Kinder.

Da die Jungs mit denen ich arbeite, außer 2 mit denen ich mir eine Wohnung teile, aus den unterschiedlichsten Gegenden in und um Graz kommen, wurde meine Wohnküche im Laufe der Jahre immer mehr zu Büro, Gemeinschafts- und Lernraum. Wir hatten nie das Geld ein Büro, einen Gemeinschaftsraum mieten zu können, worüber ich heute froh bin, kann ich doch meine Arbeit so gestalten, wie wir, meine FreundInnen und ich es für richtig halten und brauchen uns nicht nach staatlichen, unmenschlichen Vorgaben, der ewigen Reduktion bis auf unmenschliches Minimum  zu richten.

Hier, in unserer Wohnung wird gemeinsam gekocht, Tee getrunken, Tränen getrocknet,  Ausbildungspläne besprochen und Freundschaften geknüpft. Hier findet die Vernetzung zu einer kompetenten Rechtsberatung statt, von hier aus starten wir unsere Ausflüge. Hier werden Aufgaben besprochen und erledigt. Hier werden Vorbereitungen für Projekte getroffen. Und hier finden auch die Treffen mit anderen HelferInnen statt, denn eine Vernetzung ist wichtiger denn je.

Jetzt bin ich, wie so viele andere engagierte HelferInnen in der Situation, dass junge Menschen, die wir lieben gelernt haben, die uns lieben, die uns vertrauen, die ihr Bestes gegeben haben, vor dem Dilemma der katastrophalen österreichischen Flüchtlingspolitik stehen. In meinem Fall ausschließlich junge Menschen aus Afghanistan.

Und genau hier und jetzt ist es so wichtig an diesem Platz, neben diesen jungen Menschen zu bleiben und ihnen mit allen uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zur Seite zu stehen.

All die Jahre sprach ich von „meine“ Buam.  Hab mich mit ihnen gefreut, wenn sie Preise gewonnen haben, Deutschkurse bis zu C1 absolviert haben, Lehren begonnen haben, Berufsschulklassen gemeistert und mit ÖsterreicherInnen Freundschaften geschlossen haben.

Dank einer populistischen und grausamen Flüchlingspolitik geht es jetzt ans „Eingemachte“.

Die österreichische Bundesregierung will gegen jegliche Vernunft, gegen besseres Wissen die Menschen vor allem aus Afghanistan aus unserem Land, nach Afghanistan zurück schicken. Ein Land, in dem nachweislich Terror, Kriegsszenarien, Radikalismus  an der Tagesordnung stehen und in dem lt MenschenrechtsexpertInnen wie Friederieke Stahlmann, Max Planck Institut, Prof. Wolfgang Benedek, Menschenrechtsexperte, Thomas Ruttig, Journalist im Moment für Rückkehrer keinerlei Chance besteht ein neues Leben zu beginnen.

Die Bundesregierung lässt Flüchtlinge, die bei österreichischen Familien leben, die Lehrstellen haben, die in Schulen gehen, in Vereinen Mitglied sind aus unserer Mitte abholen, um sie nach Afghanistan zu deportieren.

Und genau darum werde ich meinen Platz nicht verlassen. Es ist mir nicht möglich, denn ich würde es mir nicht verzeihen, junge Menschen, die so dringend in größter Not unser aller Hilfe, unsere Stimmen brauchen, alleine zu lassen.

Wie sehr würde ich mir, wären meine eigenen Kinder in dieser Situation wünschen, dass sie irgendwo von einem/einer Fremden Unterstützung und das was jeder Mensch braucht bekommen: Vertrauen ,Zuneigung und Solidarität, kurz genannt Liebe.

Darum bleibe ich hier, an meinem Platz und gehe gemeinsam mit den jungen Menschen diesen Weg. Es kommen täglich neue dazu, denn die Angst und die Verzweiflung der Menschen ist groß. Oft weiß ich nicht, wie ich das alles bewältigen soll, doch dank guten FreundInnen und einem großen, sehr starken Netzwerk von vielen starken MitstreiterInnen geht es immer wieder weiter.

Die Homepage ist ein Start in eine neue Dimension. Ich träume von einem Haus „Haus der Hoffnung“, ich träume von „Changing the Narrativ“, ich träume von schönen Festen, weil diese junge Menschen hier Matura bestanden haben, Studium abgeschlossen, Lehren beenden, ja, davon träume ich. Und ich träume davon und gebe die Hoffnung nicht auf, dass endlich auch PolitikerInnen das öffentlich aussprechen, was sie mir hinter vorgehaltener Hand zuflüstern: „Wir sollten endlich eine vernünftige Lösung für deine/eure Anliegen finden“.

Auch wenn ich ab und zu  fast den Mut verliere, weil Rassismus und Fremdenfeindlichkeit bis in das österreichische Parlament Einzug gehalten haben, so weiß ich doch aus der Praxis wie viele wunderbare Menschen in allen verschiedenen Schichten es in unserem Land gibt. Und ich weiß ganz genau, wie viele engagierte NGOs es in Österreich gibt.

Und ich weiß tief in meinem Herzen, dass die Vernunft und die Liebe siegen werden.

Dafür werde ich in Zukunft auch weiterhin konsequent arbeiten.

Ich bedanke mich bei „meinen Jungs“ für ihr Vertrauen, für ihre großartigen Leistungen , für ihre starken Charaktere und für ihr großes Herz.  Ich werde diese Menschen im Laufe der nächsten Monate auch hier zur Sprache bringen.

Ich danke allen, die Patenschaften, Begleitungen, oder sonstiges übernommen haben. Ich danke allen, die uns bei den Ausbildungen und der Lehrstellensuche unterstützt haben. Und ich bedanke mich auch bei allen die therapeutisch die Seelenpflege übernommen haben.

Last but not least danke auch allen, die gute Rechtsvertretungen für die Menschen machen.

Denn ohne Euch alle könnte ich meine Arbeit nicht tun.

Und nur gemeinsam werden wir die große menschliche und politische Herausforderung meistern.

Sagen wir in Zukunft nicht:

„Wir haben es nicht gewusst“

 

Arbeiten wir daran, dass wir zu unseren Kindern und Enkelkindern sagen können:

„Ja, schrecklich, wir haben es gewusst. Genau darum haben wir innegehalten und Verbindung zu den Menschen aufgenommen. Um gemeinsam alles zu tun, was notwendig war um diese Menschenrechtsverletzungen und diese maßlose Unvernunft und Lieblosigkeit zu verhindern“.

In Dankbarkeit und großer Zuversicht,

Doro

Kommentare 7

  1. Liebe Doro, im Namen vieler anderer danke ich dir dafür, dass du sichtbar machst, was sonst im Dunkeln bliebe und dass du dich nicht darauf beschränkst, auf Missstände zu verweisen, sondern aktiv an deren Beseitigung arbeitest. Es gibt viele Menschen, die auf andere mit dem Finger zeigen. Was wir brauchen, sind Menschen, die einander die Hand reichen und das zeigst du nicht nur vor, sondern du lebst diese Einsicht und das macht dein Wirken so wichtig und erfolgreich. Ich wünsche dir weiterhin alles Gute und viel Erfolg und hoffe, dass viele von uns an den „gesellschaftlichen Verwerfungen“ in dieser Welt „gesunden“ werden. Auch wenn das wie ein Paradoxon erscheint, aber ohne Wunden bliebe die Krankheit stets im Verborgenen und würde sich unbeachtet ihren Weg bahnen, bis sie das Herz lähmt. Erst durch das Versorgen der Wunden wird uns allen die zugrundeliegende Erkrankung bewusst und mit diesem Bewusstsein um all das, was falsch läuft, kann der Prozess der gesellschaftlichen Gesundung beginnen. Etwas verschroben formuliert, aber hoffentlich trotzdem verständlich 🙂 Weiterhin alles Liebe und Gute. Robert

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      Lieber Robert, lieber Freund!
      Deine Zeilen sind für mich immer verständlich.
      Danke für Deinen Zuspruch und Deine fortwährende Unterstützung. Was hätte ich ohne Dich gemacht, du konsequenter Unterstützer von Menschen in der Not. Viele der Jungs haben ua die ersten Gehversuche unserer Sprache mit Dir gemacht. Ich weiß, wie sehr Du Dich mit freust, dass sie jetzt bereits arbeiten, mit uns Diskussionen führen können, mitten unter uns sind. Ich freue mich auf unser Wiedersehen und danke Dir von ganzem Herzen für alles was Du unbeirrt vom politischen Desaster tust. In Liebe, Doro

  2. Liebe Doro

    schön, dass Du eine Aktivistin bist und noch dazu mit hp; Deine Ausführungen beschreiben die politische Lage präzise. Vielleicht lernen wir uns mal persönlich kennen.

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