Fakten der jüngsten Abschiebung junger Afghanen/Wien – Kabul

Doro Blancke Asyl 8 Kommentare

Abschiebungen nach Afghanistan sind, wie wir immer wieder betonen zu tiefst verwerflich. Das Land ist im Krieg, sowohl die Regierung, als auch die Polizei, Behörden, usw. im Sumpf der Korruption. Terroristen beherrschen weite Abschnitte des Landes, mafiöse Machenschaften an der Tagesordnung. Auch wenn wir hin und wieder Bilder von Geschäftsleuten, von Gruppen sehen, die für Rechte kämpfen, von Menschen, die scheinbar friedlich durch die Straßen bummeln, der Schein trügt! Das ist eine kleine Minderheit, die Elite im Land, die sich quasi durch Geld gewisse Freiheiten erkauft. Der Alltag in Afghanistan sieht anders aus.

Es ist natürlich nicht so, dass jeder Mensch sofort auf der Straße getötet wird. Doch die permanente Angst, Hunger, keine Arbeit, die Möglichkeit, jederzeit in einen Anschlag, Bandenkriege, in eine Blutfehde, eine NATO Aktion mit tödlichem Ausgang verwickelt zu werden ist real und mehr als berechtigt. Auch durch extrem radikale Gruppen, wie Taliban, deren Sympathisanten gecheckt, erpresst, gefoltert, getötet zu werden ist jede Sekunde möglich.

Abschiebung 4.2.2020

Da ich (wieder einmal) in unmittelbarem Kontakt zu 2 Betroffenen stehe hier ein kurzer Bericht, was Menschen nach der Abschiebungen aus Österreich erwartet. Wenn man jetzt bedenkt, dass ev. 4 von 22 Abgeschobenen jemanden haben, der sie von Österreich aus unterstützt, dann wird das massive Unrecht, das wir durch diese Abschiebungen verursachen noch deutlicher.

Landung in Kabul

Bereits am Flughafen wird dem Konvertiten, H. wurde letztes Jahr von der kath. Kirche getauft (und noch einigen anderen) von einem IOM Mitarbeiter erklärt, sie sollen Afghanistan so schnell wie möglich wieder verlassen, es sei hier viel zu gefährlich für sie. Wenn man jetzt weiß, dass in Afghanistan die Kunde, diese große Lüge verbreitet wird, dass aus Europa ausschließlich Kriminelle abgeschoben werden ist das eine doppelte Tragödie. Denn bereits am Flughafen kennen korrupte Polizeibeamte die Namen der Betroffenen.

150 € der IOM, 50€ von Österreich, dass ist das Geld welches das Leben retten soll. Und eine Liste mit verfügbaren „Hotels“, in denen die Returnees sich mal 14 Tage in ihrem Schock verkriechen können, alleingelassen mit ihrer Retraumatisierung, ihren extremen Ängsten. Viele von ihnen waren 4 Jahre in Europa und sind gar nicht mehr in der Lage mit dieser parmanenten Bedrohung, mit dieser Angst um ihr Leben umzugehen.

Telefonat mit H.

Leise, flüsternd in Panik, dass am Gang des Hotels jemand ihn hören könnte, berichtet er mir, dass er keine Ahnung hat wie es jetzt weiter geht. Es ist Mittwoch, er wurde in Österreich von der r.Kth. Kirche getauft und er weiß so gut wie wir alle, dass Christsein in diesem radikal muslimischen Land seinen Tod bedeuten kann.

Er hat weder Ausweis, noch sonstige Dokumente, eine momentane Flucht in ein anderes Land ist im Moment nicht möglich. In seine Stadt kann er nicht zurück, radikale Gruppen beherrschen das Geschehen, in dem Wissen, dass bereits einigen Menschen bekannt ist, dass er Christ ist, wäre das sein Todesurteil.

Ich bitte ihn zur Behörde zu gehen und eine Taskira zu besorgen, ohne dieser ist der junge Mann bewegungsunfähig. Er kann nicht mal Geld beheben, welches wir ihm per Western Union zukommen lassen wollen.

H. berichtet: Vor der Behörde steht, wie überall ein Security Mann. Und wie die meisten dieser Menschen ist auch er fest verankert in das korrupte System. Mit dem Instinkt von bösartigen Menschen erkennt er augenblicklich, dass H. dringenst Dokumente braucht. Also wird H. von ihm erst mal rüde abgewiesen. H. bittet, diskutiert und irgendwann nennt der Mann die Summe, welche notwendig wäre das öffentliche Gebäude überhaupt zu betreten. Dass die Taskira dann noch in weiter Ferne ist brauche ich wohl nicht zu erwähnen.

Nicht im Besitz dieser Summe und verzweifelt verlässt H. diesen Ort und kehrt auf direktem Weg in die Unterkunft zurück. Auch für uns eine große Herausforderung. Dieser junge Mann war bestens eingebettet in eine friedliche Gemeinschaft hier, erleichtert, dass er endlich in Würde und Freiheit leben kann, ohne Angst, ohne Korruption mit eventuell tödlichen Folgen, wenn man sich dagegen auflehnt. Und jetzt soll ich dem Jungen sagen er soll sein letztes Geld nehmem und das dem Security Mann anbieten? Ohne Taskira kann H. sich keinen Millimeter bewegen, kann kein Geld beheben, steht nach 14 Tagen Unterkunft auf der Straße, mit Nichts.

Am Nachmittag des nächsten Tages die nächste reale Bedrohung. Es ist Freitag, heiliger Feiertag. Alle strömen in die Moschee um zu beten, um den fundamentalistischen, bösartigen Imamen zuzuhören, die neben ihren eigenen Vorteilen nur darauf aus sind, die Menschen in diese blutige Abhängigkeit zu bringen. Männer klopfen und rufen auf mit zum Gebet zu kommen. Der Bericht von H. ist so, ich finde eigentlich kein Wort dafür. Er verkriecht sich mucksmäuschenstill still, schweißgebadet hinter verschlossener Tür unter seiner Decke und wartet, bis sich die Männer wieder entfernen. Er sagt mir später am Telefon er könne nie wieder in eine Moschee gehen, er sei Christ. Man habe ihm geraten dies zu verleugnen. Schwierig, wenn Journalisten sein Bild in ganz Österreich publizierten und die Angst, dass ihn irgendjemand erkennt im Nacken sitzt. Die Arme dieser (angeblich religiösen) Verbrecher sind lang, dank Internet ist Europa nur 1 Sekunde entfernt. Außerdem meint H. er bringt es nicht übers Herz an einem Ort zu sein, an dem er seinen Glauben verleugnen muss und an dem ausschließlich Angst und Schrecken verbreitet wird. Österreich, all das haben wir zu verantworten! Da stelle ich mir die Frage wieviel mehr Menschlichkeit bringt unsere Zivilisation?

Am Abend geht H. in den Speisesaal. 6 Männer, Angestellte des Hotels kommen zu ihm. Sie sagen ihm er soll sich waschen gehen, er sei dreckig und solle seine Gebete verrichten, Religion sei kein Spaß. H.antwortet er gehe jetzt in sein Zimmer und werde das tun. Gefahr, Todesangst und Demütigung. Zivilisierte Menschen nennen das psychische Folter!

Gestern abend waren auch für mich schwere Stunden. Welchen Trost soll man da spenden? Wir, die wir in einem warmen Wohnzimmer sitzen, in einem friedlichen Land? Sagen, hab Mut? Es wäre ein Verrat und an Zynismus kaum zu überbieten. Ich versuche stark zuzuhören, ansonsten ratlos.

In tiefer Trauer, dass das österreichische Bundesministerium für Inneres so mit Menschen umgeht, in Wut, dass die Bundesregierung sowas zulässt, in Entsetzen darüber, dass ein Mensch, der sich nichts zu Schulden kommen hat lassen, vollkommen am Boden zerstört, abgeschoben von uns, in einem brutalsten Kriegsland sitzt…….

Ich entschließe mich ihm zu raten morgen zur Behörde zu gehen und dieses brutale Spiel mitzuspielen. Ich schäme mich zutiefst, wenn ich H. rate dem Security Mann sein letztes Geld zu bieten um an die Taskira zu kommen, ich schäme mich zutiefst, dass ich in einem Land der Fülle lebe, dessen Verantwortliche Grundrechte der Menschen mit Füßen treten und junge Menschen, ohne mit der Wimper zu zucken und von Pull Effekt faselnd dieser psychischen und realen Hölle auf Erden ausliefern.

Jetzt warte ich auf den Bericht von H., ob diese Aktion gelungen ist, denn das Wichtigste ist ihn in Sicherheit zu bringen. Ich hoffe innigst, dass uns das gelingt! Die psychischen Verletzungen, die Retraumatisierung durch diese unverantwortliche Entscheidung werden ihn und alle anderen returnees ein Leben lang begleiten.

Ich bitte die österreichische Bundesregierung, den Innenminister schnellstens eine neue Länderfeststellung von Afghanistan in Auftrag zu geben. Wir alle haben die Verpflichtung gegen diese Abschiebungen in ein Kriegsland mit unseren Mitteln vorzugehen!

#StopDeportationToAfghanistan #AfghanistanIsNotSafe #Menschenrechte #Menschenwürde #SicherSein #Konvertiten

http://www.fairness-asyl.at/, https://www.ecoi.net/de/laender/afghanistan/themendossiers/allgemeine-sicherheitslage-in-afghanistan/, https://www.vaticannews.va/de/kirche/news/2020-02/oesterreich-afghanistan-kirche-fluechtlinge-politik-glettler.html,

Kommentare 8

  1. Auch Deutschland ist nicht besser. Seehofer hat Ideen die man nur krank nennen kann. Verschärfen, Verweigeren und Raus damit. es ist nur noch ekelhaft.

  2. Diese schlimmen Geschichten führen bei mir zu einer tiefen Trauer und Ohnmachtsgefühlen. Ich würde sehr gerne helfen. Aber es gibt kaum Möglichkeiten. Ich tue was mir möglich ist. ????????

  3. Gerade heute hörte ich von einer Rechtsberaterin im Verwaltungsgerichtshof, dass es keine Abschiebung von Christen von Österreich nach Afghanistan gibt. Nicht einmal in den eigenen Reihen ist das Wissen der Willkür-Abschiebungen dazu vorhanden.
    Danke, Doro, für Deine unermüdliche Aufklärungshilfe und der Hilfe für die jungen Män er in dieser schrecklichen Situation in Kabul.

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  4. Es ist eine Schande was hier die Politiker anstellen. Sie werden hoffentlich irgendwann dafür zur Verantwortung gezogen werden.

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  5. Ich bin auch seit zwei jahre Gläubiger geworden für mich auch einen negative bescheid bekommen hat von Bundesverwaltungsgericht und jetzt Bfa will mich nach Afghanistan schicken ich weiß nicht was soll ich Machen

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