Der Zustand auf Lesbos bleibt unverändert

#Lesbos#Moria2

Als Helga und ich vor Monaten, genau genommen im September 20 hier auf Lesbos gelandet sind, …
Wenn ich da heute zurück denke, da wussten wir beide nicht, was genau sein wird, wie sich das entwickeln wird und welch einschneidende Erlebnisse wir hier haben werden.

Ich wusste auch nicht, dass ich von hier aus mit Helga das letzte Mal telefonieren würde. Sie fehlt mir.

Wenn ich gewusst hätte, dass ich nach 8 Monaten immer noch hier bin, weil es immer noch niemand in #Europa der Mühe wert findet, die Menschen aus diesem Dreck, aus dieser Trostlosigkeit, aus dieser abscheulichen Abhängigkeit zu holen, wie wären meine/unsere Gedanken dazu gewesen?

Ich weiß jeden Tag, alle die hier und zuhause sind wissen es, es wäre so einfach dieses Leid zu beenden. Und diese Schuld, die wir auf uns laden.
Es wäre so einfach, das natürlich richtige zu tun. Nämlich Menschen 2021, in Europa menschenwürdig unterzubringen.

Wir führen Diskussionen, beinahe täglich, bei allem was wir Dank Eurer Hilfe hier tun können und auch, wenn wir einerseits überzeugt davon sind, dass wir im Augenblick dieser menschenrechtlichen Katastrophe das Richtige tun, warum wir es a) immer noch tun „müssen“ und b) wie lange noch und c) was können wir parallel dazu tun, dass sich der Gesamtzustand ändert.

Jede/jeder, die/der hierher kommt, mit uns arbeitet, uns besucht, darüber berichtet, zeigt auf die ihr/ihm eigene Art und Weise seine tiefste Betroffenheit, seine Trauer und Wut darüber.
Wir haben den ganzen Winter über Kleider- und Sachspenden organisiert, wir haben ein Warehouse und Wohnungen finanziert, wir sind Volunteers bei #HomeForAll, mittlerweile sind wir Freund*innen geworden.

Wir machen großartige Projekte zusammen, wir haben den Küchenumbau finanziert, wir machen jetzt ein wunderbares „Kinderfrühstücks-Projekt“ mit Nikos und Katarina und wir haben die letzte Woche neben unserem Alltag (Warehouse, Großeinkäufe, Lebensmittelverteilung, Schuhkäufen, Netzwerken, Schutzsuchende zu versorgen, uvm) damit verbracht einen Garten bei Home for All anzulegen.
Schutzsuchende können dort essen hinkommen, Katarina wird sie dort liebevoll bekochen, sie können einen Nachmittag, gemeinsam mit ihren Liebsten und Freund*innen dieser Hölle von Moria2 ein paar Stunden entfliehen, sich selbst und anderen Menschen begegnen und sich kurz ausruhen.
Wie lange noch, Herr Bundeskanzler wollen sie diese „Alibihandlungen“ dulden?
Katastrophenhilfe, die notwendig ist, weil Sie sich nicht für das Richtige entscheiden wollen, nämlich Menschen aus diesem Desaster zu befreien.

Und immer wieder frage ich mich/wir uns, meine Freund*innen, Kolleg*innen, wie lange noch?
Wie lange müssen uns Ärzt*innen, die als Medical Volunteers arbeiten noch darin bestätigen, dass ein Großteil der Schutzsuchenden massive psychische Probleme, Traumata haben, oder psychosomatische, von Europa zugefügte Beschwerden wie Migräne, Gastritis, Kopfweh, Rücken-, Magen, Darmbeschwerden. Hautkrankheiten, uvm.
Wie lange noch müssen uns Kinder um ihre Grundrechte, wie Kleidung, Nahrung, Hefte, Schreibzeug, auch mal was Süßes bitten. Wie lange müssen sie noch, hier in Europa auf Schule, Spielplätze, auf gesellschaftliche Zuwendung verzichten, ihrer beraubt werden?

Wie lange wird es dauern, bis sie ein faires, unserem Rechtssystem adäquates Asylverfahren bekommen, bis Frauen sich während ihrer Periode, nach einer Geburt, oder nach einer Liebesbegegnung schlicht und einfach normal duschen können?
Wie lange wird es dauern, bis Schutzsuchende, die seit Jahren hier auf der Insel leben, nicht am harten Boden schlafen müssen, jetzt im Sommer in der Plastikhitze des Zeltes darben müssen?
Wie lange wird es dauern, bis man den Menschen das normalste auf der Welt zugesteht, einen menschenwürdigen Platz?

Wann hören endlich all die Lügen auf?
Das Politiker*innen sagen, sie hätten alles im Griff, sie hätten alle so wunderbar geholfen, obwohl sie mehr Geld in die Verbreitung dieser Lügen und in die Abwehr der Schutzsuchenden investieren, als den Menschen das zukommen zu lassen, was in einem zivilisiertem Land jedem zustehen sollte, ein Dach über dem Kopf und Sicherheit.

Meine Trauer, meine Wut, meine Freude über Gelungenes und meine Ohnmacht hier in diesem brutalen, inhumanem, europäischen System, das alles braucht viele Ressourcen.
Die 1000ende Kilometer, die wir auf dieser Insel bereits gefahren sind, die 1000ende von Essen, die 100te Lebensmittelpakete, die wir verteilt haben, alles nur deshalb, weil machtgeile, verkommene Menschen sich politisch dazu entschlossen haben „Abschreckungs- und Abschottungspolitik“ zu betreiben, um ihren Machtrausch ohne Rücksicht auf Verluste, befriedigen zu können.
Sie säuseln in ihren vorgetäuscht „verantwortungsvollen Pressekonferenzen“ irgendwas von Erhöhungen der Hilfsgelder, der Verantwortung uns gegenüber, ihre Bemühungen für ein starkes Europa und wir lassen uns einweben in diese tödlichen Spinnennetze, weil es so viel leichter ist zu glauben „wir können nichts tun“, „man muss vor Ort helfen“, als sich einzugestehen, dass wir hier Kinder, Frauen, Männer vollkommen im Stich lassen. Dabei zusehen, wie man sie systematisch zu Grunde richtet, wie wir alle uns täglich noch 1 cm weiter über die rote Linie der Grausamkeit bewegen.

Bilder dürfen wieder mal strikt nicht veröffentlicht werden, man möchte ja die dreckige, verzweifelte, hilflose Privatsphäre der Betroffenen schützen.
Und man möchte auf keinen Fall den aufkeimenden Sommerflash durch Elendsbilder stören.

Wie lange wollt ihr all diese Verbrechen an Menschen noch beschönigen, ignorieren, mitverursachen, Volkspartei, Die Grünen und alle Schweiger*innen?
Wie weit darf das Elend gehen, in welchem Ausmaß lassen wir es existieren, dass diese Unmenschlichkeit in Ordnung gebracht wird, dieses massive Verbrechen gegen Menschen und ihre Rechte beendet wird?
Wie dreckig muss es Menschen gehen, hier in Europa, dass wir es ändern wollen?

Wenn ihr unsere Arbeit auf den griechischen Inseln unterstützen wollt, freuen wir uns über eine spende an:
Flüchtlingshilfe-doro blancke
AT93 3842 0000 0002 7516

Doro Blancke
GFin „Flüchtlingshilfe-refugee assistance-doro blancke“

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