Das schreckliche Ereignis vor Chios, bei dem mindesten 15 Menschen auf der Flucht ihr Leben verloren haben und 25 Menschen schwer verletzt sind, all dies darf auf keinen Fall mehr passieren. Diese Grausamkeiten und massiven Rechtsbrüche an den europäischen Außengrenzen müssen sofort gestoppt, Verantwortliche vor Gericht gebracht werden.
Berichte sprechen von einer Verfolgung und einer Kollision zwischen einem Boot mit Geflüchteten und Einheiten der griechischen Küstenwache – mit verheerenden Folgen: Tote, viele Verletzte, Vermisste. Unter den Opfern sollen auch Kinder gewesen sein, außerdem schwangere Frauen. Familien verlieren in einer Nacht alles. Und Europa verliert wieder ein Stück seiner Menschlichkeit.
Was jetzt nicht hilft, sind die üblichen Ablenkungen: das reflexhafte „Schlepper“-Narrativ, das schnelle Schuld-Zuschieben, dieses „Aber die Hellenic Coast Guard Mitarbeiter, das sind doch auch Familienväter“. Nein. Das ist moralisch irrelevant. Entscheidend ist nur das: Wer in Hoheitsgewässern ist, hat Anspruch auf Rettung. Die Aufgabe ist retten, nicht jagen. Menschen sicher an Land bringen, nicht abschrecken. Punkt.
Und deshalb brauchen wir lückenlose Aufklärung – nicht morgen, nicht irgendwann, sondern jetzt:
Warum fehlen Videoaufnahmen? Warum sind Kameras der Hellenic Coast Guard immer dann „aus“, wenn es um Leben und Tod geht – wie schon bei Pylos?
Warum zählen die Aussagen von Überlebenden so wenig, bis nichts, obwohl sie unabhängig voneinander Ähnliches schildern? Warum wird so schnell ein Geflüchteter als „Schuldiger“ präsentiert, statt die Verantwortung in den Behördenketten zu prüfen? Wurden alle beteiligten Einsatzkräfte bis zum Abschluss einer unabhängigen Untersuchung suspendiert?
Das ist dringend notwendig.
Wenn wir Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaat ernst meinen, darf diese Tragödie nicht einfach verschwinden. Es braucht eine unabhängige, transparente Untersuchung, die Veröffentlichung aller relevanten Daten (Funkprotokolle, GPS, Einsatzberichte, medizinische Gutachten), Schutz für Zeug:innen – und, falls sich Pflichtverletzungen bestätigen: strafrechtliche Konsequenzen für Täter und für jene, die Befehle geben oder decken.
Die Europäische Kommission muss hinschauen, nicht wegsehen, Kommissar Magnus Brunner ebenso. Es geht um europäische Werte, nicht um PR.
Unser aufrichtiges Mitgefühl gilt den Angehörigen.
Und unser Auftrag ist klar: Dranbleiben, laut bleiben, unbequem bleiben – damit die Ägäis nicht weiter zum Massengrab wird.
Link zu Forderungen von UNHCR: https://www.unhcr.org/de/news/aktuelle-meldungen/unhcr-tief-betroffen-ueber-erneute-tragoedie-auf-dem-mittelmeer

