Nach außen sieht das Camp geordnet aus, weiße Container, graue Hauszelte, weißer Schotter, dahinter das Meer. Doch im Camp auf Lesbos, CCAC Mavrovouni, wird alles darangesetzt, den Menschen wissen zu lassen „Ihr seid hier nicht willkommen, am besten ihr geht nach Hause“. Dies stellt der faschistoide Asyl- und Migationsminister auch sehr eindrücklich in einem weiteren Interview klar.
„Wir werden die Zuwendungen weiter reduzieren. Steht auf und arbeitet, oder verlasst das Land“.
Wenn man die Umstände in Griechenland kennt, weiß, dass es keine Integrationskurse, keine Sprachkurse und auch keine Jobs gibt, die Realität kennt, was im Endeffekt auch Minister Plevris weiß, dann versteht man die Message sehr genau.
Europäische Abschreckungspolitik wird hier bis ins Detail praktiziert. Auf allen Ebenen Demütigung und Grausamkeiten. Man will den Menschen keine Chance geben, man will, dass sie die Botschaft nach Hause tragen, kommt nicht nach Europa.
Man tritt internationales Asylrecht mit Füßen und nimmt gleichzeitig sehr viel Geld von der Europäischen Union, um angeblich Geflüchtete hier gut unterzubringen, zu versorgen.
Solange es nicht gleiche Standards in den Mitgliedstaaten gibt, wird GEAS – Gemeinsames Europäisches Asylsystem scheitern. Neue humanitäre Katastrophen kreieren.
Aktuell sind 1264 Menschen im Camp untergebracht. Um die 200, besonders vulnerable und anerkannte Geflüchtete sind von NGOs außerhalb des Camps, in Mytelini und in Pagnagiuda, einem kleinen Ort in der Nähe des Camps untergebracht.
Herkunftsländer:
- Afghanistan 17,7 %
- Yemen 15,8 %
- Sudan 15,8 %
- Somalia 14,1 %
- Eritrea 6,2 %
- Andere Länder 5,7 %
Das Camp-Management gibt auf Weisung des Ministeriums keine Zahlen mehr an UNHCR weiter. Wir wissen, dass immer noch ca. die Hälfte der Bewohner:innen Frauen und Kinder sind. Statistisch wird dies leider im Moment nicht erfasst. Man kann also die Nachrichten „alles nur gesunde, junge Männer“ weiter verteilen.
Größte Herausforderungen im Camp aktuell:
Anhaltender Starkregen
Die Menschen leben zusammengedrängt auf dichtem Raum, kaum Möglichkeiten Kleidung zu trocknen. Bleiben also deshalb oft tagelang im Container. Soziale Isolation für alle, für Eltern mit Kindern eine große, sehr stressvolle Herausforderung, zusammengedrängt mit Kindern auf engstem Raum, tagelang.
Keine Intimsphäre
7-8 Menschen in einem Container, da bleibt kein Spielraum für ein Minimum an Privatsphäre. Dies ist oft eine große persönliche Belastung für die Menschen.
Verpflegung
Auch hier eine furchtbare Situation. Einmal am Tag Essensausgabe. Gestern z.B., 1 kleine Plastikbox gehacheltes Kraut, eine kleine Plastikbox Reis (der übel riecht, Kühlkette unterbrochen), 1 kleines Sandwich mit 1 Scheibe Käse, Sonnenblumenkerne abgepackt – dies ist eine Tagesration. Das Essen ist jeden Tag kalt.
Ärzt:innen sehen Mangelernährung. Viele Menschen haben neben all den anderen psychischen und physischen Problemen auch akute Magen-, Darmprobleme.
Verbreitete Krankheiten, medizinische Herausforderungen
- Scabies – Krätze (kaum einzudämmen, da Wäsche, Decken, täglich gewaschen werden müssten.)
- Gastritis
- Zahnprobleme
- Massive Schlafstörungen
- Mangelernährung
- Migräne
- Depression, um nur einige zu nennen.
- (auch andere Krankheiten wie Krebs, Nierenerkrankungen, usw., allerdings nicht so häufig.)
Grundversorgung
Die mtl. Grundversorgung von 70€ p.P., für die Europäische Kommission viel Geld an Griechenland bezahlt, wird seit vielen Monaten nicht ausbezahlt. Die Menschen auf der Flucht sind also völlig sich selbst überlassen und auf die Unterstützung von NGOs angewiesen.
Hygiene
Immer wieder klagen die Menschen über kaltes Wasser beim Duschen, was speziell für Frauen, mit und ohne Kinder eine enorme Herausforderung ist. Die Duschen sind oft weit weg vom Container, was bei den aktuell heftigen Regenfällen und Stürmen schon eine Herausforderung für sich ist. Völlig durchnässt, dass eine kalte Dusche. Wie traurig.
Asylverfahren
Viele Menschen, die hier landen haben keine Ahnung, was ein Asylverfahren juristisch bedeutet. Dass Zwangsehe, sexueller Missbrauch (betrifft alle Gender), Genitalverstümmelung, Folter, Krieg in den Heimatländern, Opfer von Menschenhandel, usw., Asylgründe sind und vorgebracht werden sollten.
Vieles ist auch mit unheimlicher Scham behaftet, und so passiert es immer wieder, dass Menschen vieles nicht erwähnen, was juristisch sehr wichtig für ein faires Verfahren wäre.
Gerade deshalb sind wir dankbar, dass wir immer noch in der Lage sind, das Rechtsberatungs-Projekt, welches von DCI abgearbeitet wird, zu finanzieren.
Geld für Rechtsberatung zu sammeln ist sehr schwierig, darum sind wir dankbar, wenn ihr auch dafür ev. einige Euros übrig habt. Die Quartalsberichte findet ihr auf regelmäßig auf unserer Webseite.
Lebensmittel-Pakete
Um die 190 besonders vulnerable Menschen auf der Flucht werden aktuell von uns mit wöchentlichen Lebensmittel-Paketen beliefert. Besonders vulnerabel heißt: Sie alle haben entweder eine große psychische, oder physische Herausforderung und werden deshalb von unterschiedlichen NGOs außerhalb des Camps, in kleinen, bescheidenen Unterkünften gebracht. Diese Housing-Projekte sind nur mit den Lebensmittel-Paketen möglich, da niemand auf Lesbos seitens der Regierung eine finanzielle Grundversorgung bekommt.
Frauenschutzhaus
Wir übernehmen seit ca. 2 Jahren die Miete des Frauenschutz-Hauses, Safe Shelter Lesbos, dass von unseren Kolleg:innen von Welcome-Office/Lesbos gegründet und deren von Sozialarbeiter:innen begleitet wird. Hier leben Frauen auf der Flucht, entweder allein oder mit ihren Kindern. Ein sehr wichtiger Ort.
Projekt „Hoffnung schenkt Zukunft“
Wir haben eine weitere Wohnung angemietet, speziell für Menschen, die mit Asyl in Griechenland, nach ihrer Weiterreise in andere europäische Länder, völlig mittellos aus Deutschland, oder Österreich zurückgeschickt wurden. Alle dieser jungen Menschen verfolgen jetzt einen Plan, um auf Migration umzusteigen, mit der Beantragung einer Arbeitsbewilligung in ein anderes Land reisen zu können. Wir unterstützen sie dabei gezielt mit Sprachkursen, Lebensmitteln, Dokumente ausfüllen, etc. Wir sind vorsichtig optimistisch.
Hier in Griechenland etwas zu finden, von dem man auch in Zukunft sein Leben bestreiten kann, ist beinahe unmöglich. Ev. einen Sommersaison-Job auf einer Insel, doch nach 4 Monaten ist dieser wieder vorbei. In der Praxis gibt es keinerlei Unterstützung vom Staat, auch wenn das vielfach behauptet wird. Die Katze beisst sich in den Schwanz, keine Wohnung, keinen Meldezettel, keine finanzielle Unterstützung von 230€ im Monat. Wer gibt jemandem eine Wohnung, der keine Arbeit hat?
Projekt „Minderjährige“
Wöchentliche Lieferung an eine Unterkunft für Minderjährige, die auch nur 1-mal pro Tag zu essen bekommen. Gemüse, Obst, Joghurt, Milch, etc.
Im Moment sind keine Minderjährigen in dieser Unterkunft, was sich aber sehr schnell wieder ändern wird. Alle Minderjährigen, die bis vorletzte Woche darin gelebt haben, wurden aufs Festland transferiert.
Barber-Shop
Sich pflegen zu können, Haare und Bart schneiden zu lassen, hat unserer Meinung auch etwas mit Menschenwürde zu tun. Deshalb betreiben wir im Sozialen Zentrum „Parea“, in dem 9 NGOs ihre Dienste anbieten und wir auch Mitglied sind, einen Barber-Shop. Er ist Dienstag, Mittwoch und Freitag von 11 – 14.30 Uhr geöffnet.
Zusammenarbeit mit anderen NGOs
Wir unterstützen, wenn es möglich ist, auch immer wieder Aktivitäten von anderen NGOs. Welt-Kinder-Tag, Feste im sozialen Zentrum Parea, etc.
Menschenrechte und Internationales Recht
Jede Nacht wird in der Ägäis internationales Recht gebrochen. Selbst bei diesen verheerenden Wetterbedingungen versuchen Menschen auf der Flucht in ihrer Verzweiflung, mit Booten die griechischen Inseln/Europa, zu erreichen.
Jede Nacht ist die griechische Küstenwache unterwegs, um diese Boote zu jagen, auf sie einzuschlagen, die Menschen all ihrer Habseligkeiten zu berauben, und rechtswidrig in die Türkei zurückzubringen. Die Zahl der Toten in der Ägäis nimmt zu.
Wir kennen kaum jemanden, der keinen solcher brutalen Pushbacks hinter sich hat. In die Türkei zurückgebracht, landen viele dieser Menschen für einige Tage im Gefängnis, wo es nicht selten zu sexuellem Missbrauch kommt. Und wie bereits beschrieben, es spielt keine Rolle ob Frau, Kind, oder Mann.
Wenn wir jetzt, zu Recht, über Trumps ICE – Truppen schockiert, zutiefst betroffen sind, sie haben bereits auch Büros in ganz Europa: ICE-Truppen haben auch bereits Büros in ganz Europa:
Dann sollten wir uns trotzdem auch der europäischen Realität stellen. Sie ist nicht minder brutal und rechtswidrig. Hier, an den Außengrenzen Europas passieren diese Verbrechen seit Jahren. Asylsuchende und Migrant:innen zu jagen, sich ihrer zu „entledigen“ tägliche Praxis, auf grausamste Art und Weise, geduldet und auch finanziert von der Europäischen Kommission und beinahe allen Mitgliedsstaaten.
Die Mitarbeiter der Hellenic Coast Guard werden dabei selten gefilmt, wenn sie Schlauchboote am offenen Meer aufstechen, Menschen prügeln, mutmaßlich Schiffe zum Kentern bringen, wie bei Pylos, wo 600 Menschen starben.
Selten dringen Videos, wie Küstenwachen auf Menschen einprügeln, teils offene Wunden und massive Blutergüsse verursachen, an die Öffentlichkeit. Es gibt sie, doch selten sichtbar, denn auch aus diesem Grund werden die Mobiltelefone den Menschen geraubt – keine Zeugnisse.
Trotzdem ist dies genauso real wie der sichtbare, von der ganzen Welt beobachtete Einsatz der mörderischen ICE-Truppe. Es ist mir wichtig, immer wieder auf diese Gemeinsamkeit hinzuweisen.
Wenn nicht jetzt gegen Faschismus kämpfen, wann dann?
Der Terror gegen Asylsuchende und Migrant:innen ist bereits längst in Europa, mitten unter uns, angekommen.
Sehr besorgt beobachte ich gerade, welche Kommentare auf meiner Facebook-Seite, unter meinem Post, in dem ich über das furchtbare Essen im Mavrovouni-Camp auf Lesbos berichte, stehen. Unfassbar, wie hemmungslos Menschen sich bereits in der Öffentlichkeit äußern und hetzen.
Auch im Mittelmeer-Raum, wo die Europäische Kommission ua. einen Pakt mit Libyen geschlossen hat. Libysche Warlords und ihre Schergen jagen Menschen, foltern, missbrauchen, vergewaltigen und töten sie. Wir müssen das sehen und uns, bevor es zu spät ist, zur Wehr setzen, bevor es für uns alle zu spät ist. Bevor Faschismus die Oberhand gewinnt.
Genau darum sind wir weiterhin intensiv mit Politik, Journalist:innen, Organisationen und Jurist:innen in Kontakt, im Austausch. Bei ersteren beiden wird es immer schwieriger durchzudringen, doch wir geben nicht auf.
Danke sehr, dass ihr mit uns seid, gemeinsam mit uns internationales Recht und Menschenrechte verteidigt. Ihr durch Eure Spenden helft, dass wir unsere Arbeit, hier in Griechenland und in Österreich weiter tun können.
Herzlichen Gruß und innigen Dank,
Doro & Team
Jetzt unterstützen:
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BIC: RZSTAT2G420
Kontoinhaberin: Flüchtlingshilfe refugee assistance Doro Blancke













