Neues von Lesbos und aus Österreich

Liebe Freund:innen, liebe Unterstützer:innen,

Ich weiß, unsere Newsletter kommen in etwas größeren Abständen, dafür sehr ausführlich. Ich danke allen, die sich die Mühe machen ihn zu lesen und so ein ausführliches Bild über unsere Ansichten und unsere Arbeit zu erhalten. Ich finde es wichtig, dass ihr wisst, wofür ihr Euer/Geld spendet und ich denke 5 Jahre Lesbos und 10 Jahre Österreich sind es wert genau zu berichten.

Der Sommer geht zur Neige und auch auf Lesbos ist die Temperatur endlich wieder halbwegs erträglich. Ohne Klimaanlage, adaquater Betreuung, menschlichen Begegnungen, bei bis zu 46 Grad im Camp auszuharren, ist eine Katastrophe. Es hat sich trotzdem einiges getan an den Außengrenzen, worüber wir Euch gerne berichten.

Auch in Österreich konnten wir mit konsequentem Engagement viel erreichen. Politik ist z.Z. beschäftigt mit Rück- und Ausblicken:

2015 wird weiterhin konsequent als „Flüchtlingskrise“ benannt, wo doch mittlerweile vielen klar ist, es war und ist bis heute eine politische Krise.

Rückblick 2015:
Hautnah, mitten im Geschehen an der Grenze in Spielfeld/Südsteiermark, wo wir mit Geflüchteten in 4 verschiedenen Unterkünften gearbeitet haben. Refugee Coffee, Let’s cook together, Sprachkurse, gemeinsame Feste und Feiern mit Österreicher:innen, uvm., hat uns sehr beschäftigt.
Im September 2015 wurden wir von der Polizei/Bezirk Leibnitz und dem Roten Kreuz gebeten, ob wir Unterstützung an der Grenze Spielfeld geben könnten. Anfänglich ging es hauptsächlich um Übersetzungen.

Daraus wurde ein Einsatz über mehrere Monate hinweg. Geflüchtete aus den umliegenden Unterkünften halfen in Spielfeld vom 1. Tag an bei den Übersetzungen. Bald begannen wir, gemeinsam mit großartiger Unterstützung aus der Zivilgesellschaft alles, was fehlte, und das war fast alles, zu organisieren. Windeln, Babynahrung, Schuhe, Unterwäsche und vieles mehr.

Politik wusste bereits seit langem, dass im Libanon Geld fehlte, die Versorgung der Geflüchteten eingestellt wurde, auch Sebastian Kurz/ÖVP hat erheblich dazu beigetragen. Auch der Krieg in Syrien, alles sprach dafür, dass Menschen sich in Bewegung setzen würden, auf der Suche nach Sicherheit und Frieden. Man spricht heute kaum darüber, weder über all die politischen Versäumnisse, weiterhin Geflüchtete vor Ort (wie zb. im Libanon) zu unterstützen, noch über die Verweigerung von Anfang an gute Aufnahme- und Integrationsmaßnahmen zu bieten. Wie immer sprang Zivilgesellschaft ein. 1000ende Menschen, Organisationen, Vereine kümmerten sich um die Neuankömmlinge, organisierten Kleidung, Essen, Deutschkurse, Kinderbetreuung uvm., im ganzen Land.

Im Prinzip ist das bis heute so geblieben, wo Integration gut gelungen ist und dafür gibt es unzählige Beispiele, die sowohl Politik als auch viele Medien kollektiv ausblenden, stand Zivilgesellschaft dahinter – Ablehnung, Hetze und Spaltung meinte man, sei Politik dienlicher, bringe mehr Stimmen und Stimmung. Wie sehr sich diese in der Gesellschaft gewandelt hat, ist mit wenigen Ausnahmen der Politik und den Medien geschuldet.

Der Ton wurde rauer, Verrohung sowohl in der Sprache als auch im Handeln. Heute macht man sich Gedanken darüber, wie man die massive Spaltung in der Gesellschaft wieder korrigieren kann. Doch auch hier wird der notwendige Ansatz dafür leider nicht umgesetzt, was alle von uns, speziell aber die nächste Generation zu tragen haben. Diesbezüglich mache nicht nur ich mir große Sorgen.

Meine Frage heute: Wo sind all die Politiker:innen, die dieses politische Versagen zu verantworten haben und wie werden sie zur Rechenschaft gezogen?Dieselbe Frage möchte ich an die vielen Journalist:innen richten, die Aussendungen von Herrn Kurz und Kickl unwidersprochen wiedergaben, kaum Fragen zur objektiven Abarbeitung stellten. Die sich mitreißen ließen vom aggressiven Ton, der viele Grenzen überschritt, dem Rassismus und der maßlosen Ausgrenzung.

Unser Kollege Lukas Gahleitner-Gertz/Asylkoordination Österreich bemüht sich seit Jahren um Faktenchecks. Von Politiker:innen und in Folge von Medien schlampig recherchiert, oder bewusst unwahr verbreitet, Lukas belegt mit Zahlen und Fakten auf seinem Account/Bluesky wieviel Unwahrheiten und Faktenverdrehung gerade im Bereich Asyl/Migration verbreitet wurden und werden. Auch gestern wieder in ORF – „Das Gespräch“ behauptete LH Doskozil Sachen, die schlicht nicht belegbar sind. Nachzusehen auf ORF.on.

In Österreich arbeiten wir seit 2014 sehr erfolgreich zum Thema: MENSCHENRECHTE und INTEGRATION

Wir nennen diesen Prozess „Verwebung mit der Gesellschaft“, was so viel mehr als „nur“ Leistung bedeutet.

„Fordern und fördern“ war immer unser Leitspruch. Neben Deutschkursen, Vernetzung mit unterschiedlichen Sport-, Musik- und privaten Gruppen, unseren unterschiedlichen Projekten, Kooperationen, ua. mit der FH Joanneum in Graz, mit der Wirtschaft, bemühten wir uns in vielen Begegnungen und Gesprächen mit den jungen Menschen auf der Flucht, all die offenen Fragen zu diskutieren. Von „Was bedeutet Demokratie?“, wie finden demokratische Prozesse statt, welche Auswirkungen hat das auf Gesellschaft und für jede:n einzelne:n, bis hin zu der ersten Verliebtheit, Verhütung, Bildungsmaßnahmen und Mülltrennung. Es gab und gibt immer wieder vieles zu besprechen.

Mit großem Erfolg:
Beinahe alle der von uns begleiteten jungen Menschen stehen im Berufsleben, haben begonnen zu studieren, oder dies bereits abgeschlossen, wunderbar verwoben mit österreichischer Gesellschaft.
Einige, nicht wenige von ihnen, sind bereits österreichische Staatsbürger.Solange unser Verein besteht, dank Eurer finanziellen Unterstützung bestehen kann, werden wir unsere Arbeit konsequent weiterverfolgen.

Jüngste Freude:
Ein ehemaliger Geflüchteter von Lesbos hat sich die Studienzulassung an der FH Joanneum erarbeitet, am 1.9. war Studienbeginn. Er hat alle Voraussetzungen für eine Aufnahme erfüllt. Wir danken von Herzen allen Unterstützer:innen, die das möglich gemacht haben, denn Sprachbildung, Flug, Versicherung, Studentenzimmer, usw. kostet alles Geld. In wenigen Jahren wird der junge Mann so weit sein, einen wichtigen Beitrag in unserer Gesellschaft zu leisten – Bereich: Gesundheit und Pflege.
Ein anderer Volunteer von uns, konnte nach gelungener Rechtsberatung, endlich, nach Jahren auf der Insel, mit seiner Familie in den Niederlanden zusammengeführt werden und seine Frau und Tochter nach 3,5 Jahren in die Arme schließen und jetzt mit ihnen gemeinsam leben, sich ein gemeinsames sicheres und selbstverantwortliches Leben aufbauen.

2020: Brand Moria – Elendscamp/Schande Europas
In der Nacht von 8. auf 9. September 2020 brach ein großes Feuer im Elendscamp Moria aus. Es war ursprünglich für 3000 Menschen gebaut, bis zu 25.000 Menschen wurden dort untergebracht. Die Situation war skandalös, menschenunwürdig, furchtbar traurig und übertrifft jegliche Vorstellung. Nachdem das Camp restlos niederbrannte, waren die Geflüchteten tagelang in den Olivenhainen, rund um das abgebrannte Camp. Keine sanitären Anlagen, kaum Wasser, Lebensmittel, Hygiene-Artikel, Windeln für die Kinder waren rar, es gab keine Toiletten.

Als Helga Longin/Unser Bruck hilft und ich zum ersten Mal dieses hausgemachte, menschliche Desaster sahen, waren wir zutiefst traurig und betroffen. Aus einem ursprünglich geplanten mehrwöchigen Aufenthalt auf der Insel Lesbos wurden mittlerweile 5 Jahre. Meine liebe Freundin Helga ist mittlerweile verstorben. Wir alle haben ihr so viel zu verdanken, sie war klug, immenses Engagement, hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und verhalf vielen Geflüchteten zu einem würdevollen Leben. Wir werden sie immer liebevoll und dankbar in Erinnerung behalten. All die Jahre auf Lesbos haben jeden von uns, der hier war geprägt und viele der tragischen Situationen, auch wenn wir sie gut „abgearbeitet“ haben, werden wir nie mehr vergessen.

Diese unmenschliche und entwürdigende Behandlung von Menschen auf der Flucht, das kaum vorstellbare Leid, welches wir vor Ort bewusst produzieren, all diese Falschinformationen, es kämen nur junge Männer, wo doch in vielen griechischen Camps mehr als die Hälfte der Bewohner:innen Frauen und Kinder sind, die Verrohung, sowohl in der Sprache als auch in den politischen Handlungen, das unerträgliche Schweigen der europäischen Kommission, all dies hinterlässt Spuren. Mein langjähriger Kollege und Freund, Fayad Mulla, der die meisten großen Projekte mit mir aufgebaut hat und konsequent über die rechtswidrigen Entführungen von Geflüchteten auf der Insel Lesbos, den brutalen illegalen Rückführungen von Schutzsuchenden in die nahegelegene Türkei berichtete und gemeinsam mit NYT-New York Times einen großen Bericht veröffentlichte.
Heidrun Primas, die über Weihnachten, als ich zu meiner Familie nach Hause wollte, unkompliziert und schnell eingesprungen ist, all die junge Menschen aus Österreich, ohne die unsere Arbeit, welche sehr intensiv und sowohl körperlich, als auch psychisch fordert, so wie Sophia, die 1 ½ Jahre mit mir auf der Insel war, so viel Positives, bei mir, bei Kolleg:innen und Geflüchteten hinterlassen hat.

Unser Verein hat sich in Österreich und auf der Insel Lesbos einen seriösen Ruf erarbeitet. Es sind viele nachhaltige Projekte entstanden, die wir immer noch, dank Eurer finanziellen Unterstützung bis heute aufrechterhalten können.

– Rechtsberatung auf der Insel Lesbos von DCI. Hier gehts zum letzten Quartalsbericht.
– Lebensmittelpakete, wöchentliche Verteilung an ca. 200 besonders vulnerable Geflüchtete, darunter viele allein reisende Mütter mit ihren Kindern und Familien. Kolleg:innen von anderen NGOs, welche Housing Projekte finanzieren sagen: „Ohne die wöchentliche Lebensverteilung wären diese Projekte nicht möglich.  
– Übernahme der mtl. Miete von „Safe Shelter Lesbos“/Frauenschutzhaus, ein dringend notwendiges Projekt unserer Partner:innen von Welcome Office – Lesbos. Wenn der Winter sehr kalt und nass und die Stromrechnungen für das Haus hoch, unterstützen wir auch da.
– Sprachunterricht: Englischkurse für Anfänger und Fortgebildete. Bei zu erwartenden Familiennachzug in deutschsprachige Länder, auch Deutsch. Wir finanzieren auch Wohnungsmieten für Geflüchtete, im Moment zwei Mieten.
– Teilhabe im sozialen Zentrum „Parea“, welches oberhalb des Camps liegt. 9 unterschiedliche NGOs wie MSF – Ärzte ohne Grenzen, Makerspace, DCI – Defense Children International, Europe Cares und v.m., bieten dort ihre Dienste für Geflüchtete an. So auch wir.
– Zahnarztprojekt: Immer wieder klagen Geflüchtete unter unerträglichen Zahnschmerzen, ein befreundeter Zahnarzt nimmt bei unseren Klient:innen die Behandlungen vor.
– Bildung/Integration/Verwebung mit Gesellschaft: Viele Fragen sollen beantwortet werden. Was bedeutet Asyl, Migration, wie wichtig Weiterbildung ist und warum, Demokratie, was ist das und wie kann sie lebendig bleiben, persönliche Situation, Ängste, Vermittlung zu psychologischer Unterstützung und auch hier die Frage: „wie geht friedliches und respektvolles Miteinander“.

Nicht nur die Geflüchteten lernen, wir genauso und gehen so an einigen Tagen sehr bereichert nach Hause. Politischer Aktivismus: Viele Preise und das Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark stehen für unsere Konsequenz und Standhaftigkeit, Menschen und ihre Rechte zu verteidigen, unser aller Würde zu wahren. Wir dokumentieren, suchen immer wieder das Gespräch mit politisch Verantwortlichen, bis hin zur EU – Ebene, erarbeiten Vorschläge und platzieren Forderungen.
Ich persönlich bin dankbar für die vielen Jahre in denen wir mit Geflüchteten arbeiten und deren und all euer Vertrauen erhalten durften.Wir haben viel gelernt und viel erreicht. Wir bringen uns auch in Österreich, gemeinsam mit befreundeten NGOs zu vielen Themen ein, sind gut vernetzt und konnten einiges erreichen. Ich bin auch immer wieder zu Podcasts, Vorträgen, oder Veranstaltungen eingeladen. Gerne weise ich in diesem Zusammenhang auf einen Termin in Innsbruck/Tirol, am 20. November 2025, hin.
Nach ein paar Wochen zuhause, in Österreich, die nach der anstrengenden Arbeit während des heißen Sommers dringend notwendig waren, fliege ich in Kürze wieder nach Lesbos. Mein Urlaub hat mein Team nicht davon abgehalten hat, konsequent auf der Insel weiterzuarbeiten. Ein großer Dank hier an unsere Volunteers und freiwilligen Helfer:innen aus Österreich. Der Winter wird wieder kalt, nass und sehr anstrengend. Die angekündigte Politik, der Umgang mit Geflüchteten, vom neuen rechts außen Minister für Asyl und Migration, verheißt nichts Gutes und wird viel Rechtsbruch und Schmerz bringen.
Er will auch Camp Vastria eröffnen, welches sich völlig abgelegen, in einem breiten Wald-/Naturschutzgebiet mit einer hohen Brandgefahr, welche, bei einem Feuer, nicht nur für die Asylsuchenden, sondern auch auf die Mitarbeiter:innen vor Ort und die ganze Insel verheerende Folgen hätte. Das Camp würde sich jeglichem Monitoring durch Rechtsvertreter:innen, NGOs, usw. entziehen. Der Minister sieht Asylsuchende als Gefangene, Camps als Gefängnisse, welche keine „Gastfreundschaft“ zu erwarten haben, so seine Aussagen in einem kürzlich geführten Interview. Welche Auswirkungen dies hat, wie sehr wir die Geflüchteten und uns alle, der Würde und unserer Rechte mit diesem Handeln berauben, kann man in einem eindringlichen Bericht der investigativen Journalist:innen von „We are Solomon“ nachlesen.
Wir versuchen durch unsere tägliche Arbeit, durch konsequente Kommunikation mit den verantwortlichen Stellen auf Europäischer Ebene, die viele dieser Grausamkeiten wissen und sehr oft konsequent dazu schweigen, eine Verbesserung der Lage für Menschen auf der Flucht zu erreichen. Wie gut und sinnvoll wäre es endlich: Sichere FluchtroutenMenschenwürdige UnterbringungDem Recht enstprechende AsylverfahrenSolidarisches Verteilungssystem in den europäischen MitgliedsstaatenSofortige Integrationsmaßnahmen bei Ankunft zu realisieren. Es würde so viel zum friedlichen Zusammenleben beitragen und niemand müsste später die Verantwortung für diese massiv grausame Behandlung von Menschen, in Europa, tragen. Dass dafür konsequente politische Verantwortung, starke Persönlichkeiten und Weisheit notwendig wären, statt rechte Narrative zu bedienen und den „Kopf in den Sand zu stecken“, wissen wir. Trotzdem geben wir nicht auf.

Solange sich die Lage nicht verbessert, Frauen, Kindern und Männer auf der Flucht all ihre Würde, Rechte und Träume nach Sicherheit und Frieden absichtlich genommen werden, wollen wir an den Außengrenzen bleiben. Dies ist nur mit Eurer finanziellen Hilfe möglich. Wir leben rein von Privatspenden, da wir politisch unabhängig sein wollen und müssen, um all dieses Unrecht ansprechen und konsequent humanistische Lösungen fordern zu können. Solange Ihr uns unterstützt, unsere Bitte nach „hilf uns helfen“ in Eure/Ihre Gemeinschaften, Familien, Freundeskreise und unterschiedliche Organisationen weitertragt, können wir unsere Arbeit tun. Dass wir letztes Jahr vom Finanzamt geprüft wurden und auch die „Spendenabsetzbarkeit“ bekommen haben, erleichtert vieles und zeigt auch die Seriosität unserer Arbeit. Auch das hat uns sehr gefreut. Herzlichen Dank für Eure Unterstützung, nur sie ermöglicht die Weiterarbeit sowohl an den Außengrenzen Europas als auch in Österreich.

In Verbundenheit und Dankbarkeit grüße ich Euch herzlich,
Doro und Team
Kontonummer: AT93 3842 0000 0002 7516
BIC: RZSTAT2G420
Kontoinhaberin: Flüchtlingshilfe/refugee assistance – Doro BlanckeBetreff: Lebensmittelpakete Lesbos Sommer 2025
Onlinespenden: https://donorbox.org/lebensmittelpakete-fur-gefluchtete-auf-lesbos-2025
Wahre Hilfe ist jedoch nur politisch zu erreichen, indem die menschenunwürdigen und illegalen Unterbringungen der Menschen in Not an den EU-Außengrenzen beendet werden. Das müssen wir mit euch allen gemeinsam jeden Tag lautstark einfordern, damit es hoffentlich bald einmal nicht mehr nötig ist, dass private Vereine mit Spenden Menschen in Not ernähren müssen. Bis dahin und sowieso immer gilt für uns: Niemanden zurücklassen!
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