Heute Morgen, sehr früh, 6.25, hat mich die Kamerafrau vom ORF Steiermark abgeholt und wir fuhren Richtung Grenze/Spielfeld.
Dort hat Gregor F Waltl auf uns gewartet, der einen kleinen Beitrag zum Thema erarbeitet.
Der ORF Steiermark könnte dem eine ganze Doku widmen – es war und bleibt – Zeitgeschichte. Wäre gut.
Ich persönlich sehe mich, so wie viele andere auch, als Zeitzeugin.
So vieles ist mir heute durch den Kopf und durchs Herz gegangen.
Dass Politik damals, wie heute, völlig kopflos reagiert, immer zu spät war, nie durchdachte Konzepte, die alles erleichtert hätten und damals, die Zukunft welche uns ins Jetzt gebracht hat, völlig anders gestalten hätte können.
Seis beim Thema Integration, Bundesländer miteinander, Solidarität, Menschenrechte, – würde und Regeln.
2015 in Spielfeld beschloss man nicht mehr zu registrieren „lass ma alle durch, wollen eh alle nach Deutschland.“
Ein fataler Fehler, den ich damals schon intensiv kritisiert habe und wir die Folgen, wie Unsicherheit, Ängste, Hetze und Hass, heute intensiv
spüren.
Die Zivilgesellschaft ist mit Integrationsarbeit und Verwebung von Menschen konsequent drangeblieben. Mit vielen Erfolgen.
Spielfeld:
Damals haben wir nackte Neugeborene in Rettungsdecken gewickelt, gefunden, Menschen, die in Rollstühlen saßen und das Niemandsland zw. Slowenien und Österreich für sie eine beinahe unüberwindbare Strapaze war, Minderjährige, vollkommen auf sich gestellt, Kinder, ihre Eltern verloren.
Die Hilfsbereitschaft in der Gesellschaft war enorm, viel Unterstützung aus den umliegenden Gemeinden, tolle Bürgermeister, Peter Wagner, Helmut Leithenberger, usw.
Die FPÖ begann dann zu hetzen, als man wegen der Gefahr, Menschen auf der Flucht könnten zu Tode kommen (Slowenien hat nachgeschoben ins Niemandsland, im abgeriegelten Gelände auf österreichischer Seite fehlte die räumliche Kapazität für Aufnahme zur Weiterverteilung) die Grenze geöffnet hat.
Wäre das nicht passiert, die Öffnung, hätte es Tote gegeben.
Die Menschen haben an diesem später sonnigen Tag ihre, vom Regen schwer durchdränkten Decken am Straßenrand hinterlassen (Straße Spielfeld, Wagna) – ja, hunderte.
FPÖ hat Fotos vom Chaos verteilt, geraten alles abzuschließen, vor Einbrüchen gewarnt.
Sie haben Chaos konzipiert, orchestriert.
Doch auf der anderen Seite, Lokalpolitik hat spontan Turnsäle geöffnet, viel Zivilgesellschaft liebevoll unterstützend in Schichten 24/7 gearbeitet. Wasser und Kekse wurden am Straßenrand verteilt, in Leitring oben gekocht, usw.
Große NGOs, kleine Vereine und Privatperson haben Verantwortung übernommen.
FPÖ hat gehetzt – wie üblich, Samen des Bösen gelegt, gefährlich.
Ich erinnere mich, zuständiger Major/Einsatzleitung Spielfeld sagte: „Es gab bei all den Tausenden Menschen nur 2 Vorfälle“.
Was natürlich einer rechtsextremen Partei egal war – was sind schon Fakten?
Dann Kurz, der damals junge Schönling
„Balkanroute schließen“ – wurde 1000fach verbreitet und er bejubelt- funktioniert hat es nie – 71 Tote Parndorf, rechtswidrige Ketten-Pushbacks seitens der österreichischen Polizei, legen Zeugnis ab.
ÖVP und auch andere Parteien trifteten zusehends nach Rechts – Ablehnung und Empörung ab, statt konsequent abzuarbeiten.
Integration war nur Leistung, Angebote seitens Politik kaum!
Beinahe nur Zivilgesellschaft wusste, Vertrauen schaffen, miteinander verweben.
Sieht man auch bei uns, viele (keine Einzelfälle) Erfolge geben uns recht.
Was ist geblieben:
Meine persönliche Erinnerung:
Viele Menschen in diesem furchtbaren Zustand zu sehen, hautnah, während wir beinahe im Paradies leben, ein nacktes Neugeborenes am Boden, seine Mutter schützend über ihm liegend, Frauen, Kinder und Männer mit lauter Stimme „plz sit down“ aufzufordern um große Verteilungen machen zu können.
Wie sehr hab ich mich geschämt, alte Menschen, Kinder, Frauen, ihre Blicke, bei Anweisung „You have to sit down“, natürlich am Beton.
Was ist noch geblieben:
Wunderbares Zusammenwachsen mit Gleichgesinnten, mit Menschen auf der Flucht, mit Rot Kreuz Mitarbeiter:innen, Lehrer:innen, NGOs, Kolleg:innen, Asylanwält:innen, usw.
Was erschreckt:
Nackte Neugeborene und das Sterben haben wir an die Außengrenzen verlagert – weit weg.
Und trotzdem real!
Mittelmeer – Ägäis – Grenzländer, 1000ende Tote.
Man konzentriert sich auf Abschreckung, Pushbacks, Demütigung, Abschiebungen, statt auf gutes Miteinander.
Fluchtursachen bekämpfen- nur peripher.
Waffenhandel, Wirtschaft, Kapitalismus dominiert. Menschenleben Kollateralschäden.
Weder Bundesländer, noch europäische Mitgliedsstaaten zeigen Solidarität.
Bis heute trot GEAS nicht.
Die gleichen Standards – gerechte Verteilung.
Obsorge Minderjährige vom Tag 1.
Sprache, Bildung, Verwebung.
Sprache wurde entmenschlicht – die Österreicher:innen im Gehabe und die Menschen auf der Flucht, in unserer Betrachtung, gleich mit.
„Ging in einem Aufwaschen“.
Man wiegt sich in der krebserregenden, toxischen Sicherheit von undurchdachten politischen Standardsätzen.
Hauptsach fesch sans die Verantwortlichen, Hinterfragen ein Luxus den sich kaum wer noch leistet.
Es scheint auch, unsere Bildung und persönliche Anforderungen an liebevolle Gemeinschaft sind maßgeblich gesunken, beinahe erloschen.
Was mich immer noch antreibt, trotz all dem Schmerz, auch an den Außengrenzen?
Wie will ich gewesen sein?
Wie möchte ich die Erde verlassen?
Wie blicke ich unser aller Jugend ins Gesicht, in ihre Herzen?
Wie bewahre ich Menschlichkeit?
Wie verteidigen wir Rechte, Verfassung, wie ernst nehmen wir historische Verantwortung?
Was können wir gemeinsam tun und gut gestalten?
Wir lassen wir Seelen erblühen?
Ich wurde reich beschenkt, trotz all dem, als Zeitzeugin und Bewahrerin.
Danke allen, die da waren und sind, die nicht nur intellektuell von Rechten und Werten reden, sondern sie auch, trotz vielen Hindernissen, verteidigen und versuchen zu leben.
Ihr seid die Sterne in der Finsternis,
danke, Doro
Ps: Nachdem ich mir all dies „gegeben habe“ vieles wurde emotional lebendig, durfte ich in den wunderschönen Garten meines lieben Freundes Manfered Sei – Seele baumeln lassen.
Danke ![]()



