Es ist eine ziemlich große Herausforderung von unserer Arbeit, von allem was wir hier erleben, Menschen hier, in der Europäischen Union erleiden müssen sachlich zu berichten.
Wenn ich dann hier in unserer warmen Unterkunft sitze, weiß, dass Helga und ich uns was Gutes kochen werden, das Holz im Ofen knistert, dann bin ich davon überzeugt, dass es nur mit einem gewissen Anteil an Emotionen gehen wird, Ihnen/Euch die Realität dieser unvorstellbaren Menschenrechtsbrüche verständlich zu machen. Wir sind im Frieden geboren, trotz all unserer persönlichen Probleme/Herausforderungen, die jede/jeder von uns hat und die wir im Wohlwollen zueinander auch ernst nehmen wollen. Wir leben in einem sozialen Umfeld, die meisten von uns kennen, Gott sei Dank, nicht das Gefühl Hunger zu haben, für die Kinder keine Kleidung, keinen warmen Schlafplatz, einen kleinen Plastikbecher mit Essen pro Tag, kalt.
Ich kann jetzt sachlich darüber reden.
Ich kann die Frage in den Raum stellen, warum wir einen Bundeskanzler haben, der von hungernden Kindern in „Tumpuktu“ zu reden beginnt, wenn hier, in einem Land der europäischen Union Kinder/Neugeborene weder Windeln, noch der Jahreszeit entsprechende Kleidung haben, geschweige denn Frühstück, Mittag- und Abendessen?
Ich kann auch sachlich nachfragen, warum wir einen Innenminister haben, der unser aller Steuergeld unerfreulich verwaltet, indem die groß inszenierten und von uns allen finanzierten Hilfsgüter für Menschen in größter Not schlicht und einfach nicht dort landen, wo sie sein sollten und dringend gebraucht werden?
Ich kann auch die Debatte in den Raum stellen, warum wir hier vor Ort lediglich bei Schönwetter, vor einigen Monaten eine Delegation von MEPs der europäischen Union gesehen haben und jetzt, wo die Lage ohne Übertreibung mehr als dramatisch wird, niemand im Camp Kara Tepe anzutreffen ist und alle von ihren Büros aus ihre Meinung, Vorschläge, Versprechungen dazu abgeben, was man jetzt, voraussichtlich in einigen Monaten, wenn der Winter vorbei ist, denn tun könnte.
Helga und ich verbringen die Zeit nicht nur im Camp, sondern Helga arbeitet extrem viel, gemeinsam mit Sarah im Warehouse von Home For All, sortiert, abpackt, während ich beim Cash und Carry den täglichen Kücheneinkauf erledige, Dinge kaufe, die uns fehlen, wie Pampers, Milchpulver, Hygieneartikel, usw..
Und dann ist da noch die Arbeit, die man als Mitglied einer Gruppe von verschiedenen NGOs und als Aktivisten auch noch zu erledigen hat. Anfragen und Gespräche mit befreundeten NGOs, Initiativen, die ja alle auch zum selben Thema tun. #LeaveNoOneBehind, #Courage, #WirHabenPlatz, usw. Es ist unglaublich stärkend in diese Gemeinschaft eingebettet zu sein, denn dieser Wahnsinn hier vor Ort kann wenn, dann nur im WIR beendet werde. Innigen Dank an alle, die zum Thema in Österreich tun!
Und die „politische“ Arbeit:
Fast gleich zermürbend wie das Elend hier. Ich bekomme Anrufe aus allen möglichen politischen Büros, von LH Leuten, Parlamentarier*innen, usw.. Mit großer Betroffenheit habe man meine Schreiben gelesen, man sehe auch den Ernst der Lage (bin ich mir nicht sicher), doch ich werde verstehen, dass ein öffentliches Statement nicht möglich ist. Sollte ich das verstehen?
Die einzig vernünftigen Ansprechpartnerinnen sind im Moment MEP Dr. Bettina Vollath, S&D, NRAbg. Dr. Steffi Krisper, NEOS und NRAbg. Katharina Kucharowits, SPÖ. Herzlichen Dank fürs konsequente Mitdenken, für Euer offenes Ohr und für Euer Tun.
Und nun zur Emotion:
Wie denken Sie/Ihr sollten wir uns fühlen, wenn wir täglich dieses massive Leid der Menschen miterleben? Meine Gefühle dazu, meine Ohnmacht, meinen Zorn und meine Trauer kann ich nicht einfach wegstecken. Will ich auch nicht. Ich will Mensch bleiben. Ich will mein Herz offen halten für Frauen auf der Flucht, die kurz vor ihrer Entbindung keine Ahnung haben, wo dieses Kind zur Welt kommt auf ihrer Herbergssuche. Im kalten Zelt, statt Herodes steht die EU, oder stolze Rechte Regierungsmitglieder wie Sebastian Kurz, Karl Nehammer.
Ich will Gefühle haben für Kinder, die durch ihre Flucht vor Krieg und Terror Jahre der unbeschwerten Kindheit, des Geborgensein in einer Gemeinschaft, des Schulbesuchs beraubt werden und statt dessen in kaputten Badeschlapfen, jetzt im November durch die Gegend stiefeln. Ich will Gefühle haben für 16 jährige junge Afghanen, die vor Terror und Korruption aus ihrer Heimat geflohen sind und denen man jetzt sagt sie seien volljährig, um sie problemlos in ein Kriegsland deportieren zu können. Und ich will Mitgefühl zeigen mit einer Gesellschaft, meiner, die schweigend, oder argumentierend daneben steht und erklärt, warum wir die Menschen auf der Flucht, eine der verletzlichsten Gruppe auf der Welt in diesem Dreck, in dieser Kälte, ohne die existenziellen Bedürfnisse alleine lässt und die Politik sie erbarmungslos dazu benützt Abschreckung zu zelebrieren und exzessiv Populismus zu betreiben, während ein Brief des BMI vor mir liegt, in dem versichert wird, dass IM Karl Nehammer „christlich-sozial“ geprägt ist, was immer das auch heißen mag.
Danke für Eure Aufmerksamkeit,
Doro
Unterstützung
Doro Blancke, AT93 3842 0000 0002 7516 Betreff: Lesbos
oder Helga Longin „Bruck hilft“ AT30 2021 6216 9756 3700, Lesbos






























